Delmenhorster Kreisblatt beta
2008-03-12 - Delmenhorst
Rechtsextremismus-Experte André Aden warnte am Montagabend im Nachbarschaftszentrum Wollepark vor einer neuen Erscheinung in der Neonazi-Szene, den ,,autonomen Nationalsozialisten". FOTO: frank hethey

Kaufpläne fürs Hotel als abgekartetes Spiel

Neonazi-Experte eröffnet ,,Wochen gegen den Rassismus"

Nazianwalt Jürgen Rieger soll seine Hotelkaufpläne nicht ernst gemeint haben. Sein öffentlich bekundetes Interesse beruhte laut André Aden auf einem Deal mit Hotelier Günter Mergel.
von frank hethey
delmenhorst. Für den Rechtsextremismus-Experten André Aden steht fest: Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger hat nie ernsthaft daran gedacht, das ,,Hotel am Stadtpark" zu kaufen. ,,Das war ein abgekartetes Spiel", sagt der Journalist. Für sein angebliches Interesse an der Immobilie habe Rieger von Hotelier Günter Mergel zehn Prozent des Kaufpreises eingestrichen. Der Haken an der Sache: Aden kann keine handfesten Beweise für seine Behauptung vorlegen. ,,Meine Informanten aus der Nazi-Szene würden sich sonst selbst gefährden".
Dass er falsch informiert sein könnte, befürchtet der 27-Jährige nicht. ,,Wenn verschiedene Personen unabhängig voneinander eine entsprechende Aussage Riegers bestätigen, gibt es für mich keinen Grund, ihre Angaben zu bezweifeln." Doch darüber will Aden nicht mehr Worte als nötig verlieren, die Vorgänge um das Hotel sind für ihn Schnee von gestern. ,,Delmenhorst war nur temporär von Interesse," sagte er am Montagabend am Rande der Auftaktveranstaltung zu den ,,Wochen gegen den Rassismus". Viel dramatischer sei die Situation andernorts, wo die NPD tatsächlich Schulungszentren und Stützpunkte errichtet habe.
Auf Einladung des ,,Forums gegen Rechts" sprach Aden vor knapp 50 Zuhörern über das Innenleben der rechtsextremistischen Szene. Dabei warnte er vor überholtem Schubladendenken. ,,Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, Neonazis könnte man an Bomberjacke, Stiefeln und Glatze erkennen." Als Beispiel führte Aden eine neue Erscheinungsform im Spektrum der Neonazi-Szene an, die ,,autonomen Nationalsozialisten". Die seien von linken Autonomen kaum zu unterscheiden. Sogar auf Che Guevara berufen sich autonome Nazis mit der Begründung, der Revolutionär sei ein nationaler Befreiungsheld, sagte Aden.
Der veränderte Bekleidungscode hat laut Aden Methode. Als Teil einer ausgeklügelten ,,Akzeptanzpolitik" solle er den Neonazis einen Weg in die Gesellschaft bahnen. ,,Ohne Bomberjacke werden rechte Ausführungen längst nicht so kritisch aufgenommen." Die Neonazis führten ihren Kampf an mehreren Fronten zugleich, betonte Aden. Es gehe ihnen darum, in die Parlamente einzuziehen, die Straße zu beherrschen und rechtsextremistisches Denken in den Köpfen zu verankern.
So absurd es auch klingen möge, die ,,Machtergreifung" sei für die Neonazis ein Ziel, das in zehn Jahren erreicht werden könne. Aden warnt davor, dergleichen als bloße Wahnvorstellung zu belächeln oder als etwas, woran Neonazi-Aktivisten selbst nicht glaubten. ,,Neonazis sind Überzeugungstäter, die meinen das ernst."
Aden arbeitet als Referent und Fotograf für ,,Recherche Nord", einen Zusammenschluss freier Fachjournalisten, die sich ausschließlich dem Kampf gegen den Rechtsextremismus verschrieben haben. Als seinen eigenen Schwerpunkt nennt Aden den Bereich ,,Militanter Neofaschismus". Seit zehn Jahren engagiert sich der gelernte Straßenbauer gegen neonazistische Aktivitäten. Vor vier Jahren hat der Rotenburger sein ,,Hobby" zum Beruf gemacht.
Als nächste Veranstaltung im Rahmen der ,,Wochen gegen den Rassismus" ist am kommenden Sonnabend um 12 Uhr in Ganderkesee eine Demonstration gegen rechte Gewalt während des Landtagswahlkampfes geplant.

 
 
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