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„Ich weine mit, wenn mir danach ist“

Anja Graalmann-Lulic führt ein Bestattungsunternehmen / Der Tod gehört für sie zum Leben

Die waschechte Ostfriesin arbeitet über die Gemeindegrenzen hinweg. Obwohl sie oft mit Leid und Tod befasst ist, mag sie ihren „facettenreichen“ Beruf.

Hude (bro). Die Bestatterin Anja Graalmann-Lulic übt ihren Beruf mit viel Gefühl und Herz aus, denn sie weiß: „Der Tod ist immer ein Schock und eine Belastung für die Familie und Hinterbliebenen“, auch wenn ein Mensch schon lange krank war. Sie bringt jahrelange Erfahrungen mit und kümmert sich um alles. Mit dem Ziel: „Es soll so sein, wie die Angehörigen sich das vorstellen“. Dafür lernt sie die Familie und durch diese auch den verstorbenen Menschen kennen, hilft und unterstützt mit ihrer unkomplizierten offenen Art.

„In allen Situationen sehe ich etwas Positives“, das vermittelt sie den Menschen, die auch in der Trauersituation dafür aufnahmebereit sind. Gemeinsam denkt sie mit den Angehörigen schon bei den ersten Gesprächen an schöne Situationen mit dem Verstorbenen zurück. Die 42-Jährige geht offen in die Familien, für die das eine große Hilfe ist.

Anja Graalmann-Lulic ist 24 Stunden 365 Tage im Jahr dienstbereit und erledigt alles, was nach dem Eintreten des Todes nötig ist: Angefangen von der telefonischen Annahme, den ersten Fragen und Gesprächen, Klärung der Bestattungsart, Bergung des Verstorbenen, Aufbahrung und Bestattung, Formalitäten und Versicherungen, Blumenschmuck und Kaffeetafel. Sie kommt dabei den Menschen sehr nahe und weint auch mit, wenn ihr danach ist, sagt sie. Zum Beispiel überbrachte sie einer Frau nach einem Verkehrsunfall die Nachricht, dass ihre ganze Familie ums Leben gekommen ist, weil keiner diesen schweren Gang übernehmen wollte. „Heute lachen wir auch wieder miteinander“, erzählt sie.

Unabhängig vom Standort Hude kommt die Bestatterin auf Wunsch auch über die Grenzen des Landkreises hinaus, sie arbeitet zum Beispiel in ihrer Heimat Ostfriesland.

„Dieser Beruf ist sehr facettenreich: auch wenn er mit dem Tod zu tun hat,“ sagt sie, doch sie kann sich auch vorstellen, dass sie sich in ihrem Traumberuf als Tierärztin wohlgefühlt hätte.

Die 1963 in Wittmund gebore Bestatterin hat von ihrem Vater etwas „ganz Dummes geerbt, eine wahnsinnig große Tierliebe“. Schon als Kind und Jugendliche wollte sie Tierärztin werden. Doch durch einen Schulsportunfall und später ihre leidenschaftliche Reitsportbetätigung reichte der Notenschnitt nicht, erinnert sie sich.

Nach einer Pharmazieausbildung lernte Anja Graalmann-Lulic einen Mann kennen. Aus der Beziehung blieb ihr der Sohn Torben, mit dem sie wieder zu ihren Eltern zog, um im Familienbetrieb und Großhandel für Bestattungswesen in Wilhelmshaven zu helfen. Eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich schloss sie in einem Fremdunternehmen ab, bevor sie dann ganz in den elterlichen Betrieb wechselte.

Hier arbeitete sie in allen Bereichen und lernte „alles von der Pike auf“. Später folgte dann noch eine weitere Ausbildung zur Versicherungsfachfrau, um sich weiter zu qualifizieren, denn gerade im Bestattungswesen sei viel Wissen um Absicherung und Abwicklung nötig. Anja Graalmann-Lulic suchte durch Umzug in den Oldenburger Raum 1999 eine neue Herausforderung und zog 35-jährig mit ihrem Sohn nach Sandkrug, um „andere Perspektiven“ zu erleben. Dort arbeitete sie bis 2002 und fuhr, als ihr Vater verstarb, täglich nach Wilhelmshaven, um im Familienbetrieb zu arbeiten.

Als sie den Dachdeckermeister Goran Lulic aus Hude kennen lernte, wurde diese Gemeinde ihre neue Heimat. Nach Hochzeit und Hauskauf eröffnete sie in Hude ihr eigenes Bestattungsunternehmen, „Bestattung Graalmann“, an der Burgstraße 3.

Die 42-Jährige weiß um die Problematik der Selbständigkeit und hat auch mit Vorurteilen zu tun: „Frau und jung, das kann ja nichts sein. „Ein Bestatter ist für die meisten Menschen ein gestandener Mann“, mutmaßt sie.

Regelmäßig fährt sie immer noch nach Wilhelmshaven, weil sie für Trauerreden und Andachten dort immer wieder gewünscht wird. Sehr froh ist sie darüber, dass ihr Mann sie unterstützt.

„Der Tod gehört zum Leben“ – Anja Graalmann-Lulic und ihre Familie leben danach. So ist es für sie selbstverständlich, dass auch nach einem „Gewitter“ niemand ohne Verabschiedung aus dem Haus geht, denn „keiner weiß, was passiert“.

 
 
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