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Sonntagabend im ARD-Programm Tatort: „Der höllische Heinz“ aus Weimar - Krimi in der Krise

Von Joachim Schmitz | 01.01.2019, 19:40 Uhr

Der erste Tatort des Jahres kommt aus Weimar. „Der höllische Heinz“ mit Nora Tschirner und Christian Ulmen ist ein unfassbar schlechter Krimi und zeigt exemplarisch, warum das Erfolgsformat der ARD immer mehr schwächelt.

Ein Western zur besten Sendezeit – das wär’s mal wieder. Und tatsächlich: Peter Kurth, gerade erst durch seine Rolle in „Babylon Berlin“ zu spätem Ruhm gekommen, zündet sich ein Zigarillo an, wie es John Wayne besser nicht gekonnt hätte. Er stapft durch eine finstere Westernstraße – und endet wenig später am Galgen. Peter Kurth ist „Der höllische Heinz“.

Ein toter Indianer wird aus der Ilm gefischt. Er kam dem minderbegabten Schupo Lupo in die Quere, als dieser gerade beim Training für den „Thüringen Ultraman-Triathlon“ seine Bahnen zog. Bei der Leiche handelt es sich um Wolfgang Weber, der so etwas wie der Häuptling von „El Doroda“ war, einer Westernstadt bei Weimar.

Angeblich hatte Nora Tschirner, Darstellerin der Kommissarin Kira Dorn, die Idee zu diesem Tatort, für den dann die Weimarer Hausautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger das Drehbuch schrieben. Die beiden sind berühmt-berüchtigt dafür, dass sie schon zum Frühstück einen Clown verspeisen. Mit dem Ergebnis, dass mal ein schreiend komischer, dann wieder ein unglaublich schlechter Tatort dabei herauskommt. „Der höllische Heinz“ gehört zweifellos der zweiten Kategorie an. (So war der letzte Tatort aus Weimar)

Es kommt so wie es kommen muss: Kira Dorn ermittelt undercover in der Westernstadt, schließlich beherrscht Nora Tschirner vom Westernreiten bis zum Square Dance so ziemlich alles, was es braucht in so einem Laden. „Ich reite alles, was ein Fell hat,“ sagt sie bei ihrer Bewerbung – und hat den Job natürlich im Handumdrehen.

Tschirner reitet und singt, die Geschichte dümpelt, die Spannung verzieht sich und der Spaßfaktor schwächelt: Bis zum ersten echten Lacher vergeht eine gute halbe Stunde – bis dahin ist ein gutes Dutzend humoristischer Platzpatronen wirkungslos verraucht. Schwarzer Humor ist in Weimar, wenn Kommissar Lessing (Christian Ulmen) in ein Teerfass plumpst. Ein bisschen Western, ein paar flache Witzchen – Wahnsinn, was das Erste und in diesem Fall der MDR ihrem Publikum unter der Marke Tatort verkaufen.

Ohne hier das maßlose Trinken verherrlichen zu wollen – diesen Tatort kann eigentlich nur ertragen, wer noch reichlich Restalkohol aus der Silvesternacht in sich hat oder aber die Reste des Vorabends neben dem Fernsehsessel deponiert.

Im Ernst: „Der höllische Heinz“ steht stellvertretend für den schleichenden Niedergang eines Formats, das häufig als das letzte Lagerfeuer im deutschen Fernsehen bezeichnet wird. 2018 war mit durchschnittlich 8,65 Millionen Zuschauern bei Erstausstrahlungen schon so schlecht wie seit sechs Jahren nicht mehr – im Vorjahr waren es noch 8,91 Millionen gewesen, 2016 immerhin 9,02 Millionen und 2015 sogar 9,5 Millionen.

Offenbar hat der Erfolg die ARD-Programmverantwortlichen besoffen gemacht. Nach dem Motto „Alles geht“ wurde in den beiden letzten Jahren experimentiert, was das Zeug hält, ohne dass es einen roten Faden gab. Til Schweigers actiongeladener NDR-Tatort erlebte einen beispiellosen Quotenabsturz. Der SWR verprellte das Publikum mit Mundart und Improvisation. Und beim MDR wurde erst der Tatort Erfurt grandios in den Sand gesetzt, dann der Dresdener Ableger derartig inhaltsarm angelegt, dass Kommissarin Alwara Höfels aus „künstlerischer Verantwortung“ ihren Job quittierte und schließlich mit dem Weimarer Tatort ein Spaßkrimi installiert, der das Publikum mehr spaltet als alle anderen. (Interview mit Alwara Höfels zum Tatort-Aus)

Obwohl es bei der ARD einen Tatort-Koordinator gibt, findet eine Koordination quasi nicht statt. Jeder Sender macht, was er will – mit der Folge, dass zwei Episoden aus Bremen und Stuttgart zum Thema Künstliche Intelligenz nahezu inhaltsgleich innerhalb weniger Wochen ausgestrahlt werden.

Und auch bei der Programmierung lässt sich weder Sinn noch Verstand ausmachen. Im Sommer gibt es zwei Monate oder länger keine einzige Erstausstrahlung – im Winter gilt offenbar das Motto „Masse statt Klasse“. Da zeigt das Erste dann am 23.12., 26.12., 30.12. und 1.1. vier Erstausstrahlungen innerhalb von zehn Tagen – die beste davon kommt bezeichnenderweise nicht von einem ARD-Sender, sondern aus der Schweiz. Die Folge: Der Frankfurter Weihnachts-Tatort lockte nicht mal mehr sechs Millionen Zuschauer vor den Bildschirm. (So gut war der letzte Schweizer Tatort)

Mehr als sieben Millionen wird auch „Der höllische Heinz“ kaum holen. Es wird Zeit, dass in einigen Büros der ARD-Programmdirektion mal der Wecker klingelt. Sonst geht es mit dem Tatort auch im neuen Jahr weiter bergab.

Tatort: Der höllische Heinz. Das Erste, Dienstag, 1. Januar 2019, 20.15 Uhr.

Wertung: 2 von 6 Sternen