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Till Lindemann und der Sex MeToo-Debatte um Rammstein: Fünf Fragen zu Till Lindemann

Von Daniel Benedict | 05.06.2023, 18:57 Uhr

Rammstein-Sänger Till Lindemann wird übergriffiges Verhalten vorgeworfen. Es geht um Groupies, Missbrauch und K.o-Tropfen. Die MeToo-Debatte um den Rockstar wirft Fragen auf.

Kaum etwas übertrifft die ohrenbetäubende Deutlichkeit eines Rammstein-Songs. Umso schwieriger fällt es nun, die Unsicherheiten der MeToo-Debatte um Frontmann Till Lindemann auszuhalten. Was macht die Diskussion um Groupies, Sex und Machtmissbrauch so schwierig?

1. Was wird Till Lindemann vorgeworfen?

Vor knapp zwei Wochen behauptete die Irin Shelby Lynn auf Twitter, beim Rammstein-Konzert in Vilnius unter Drogen gesetzt worden zu sein. Dazu stellte sie Fotos von massiven Blutergüssen ins Netz, die sie sich nicht erklären könne. Zuvor habe Frontmann Till Lindemann Sex mit ihr verlangt, ihr Nein allerdings akzeptiert.

Wenig später veröffentlichen NDR und Süddeutsche Zeitung dann Vorwürfe weiterer junger Frauen. Auch in anderen Medien melden sich seitdem weitere Zeuginnen zu Wort, die – zum Teil auch als Fürsprecherinnen der Band – das System der sogenannten Row Zero schildern. Wie in einem Casting sollen Frauen systematisch angeschrieben worden sein. Von einer Rammstein-Mitarbeiterin seien sie in die erste Reihe der Bühnenshows sowie auf Partys eingeladen worden. Dabei seien ihnen Dresscodes vorgegeben worden, auch die Bereitschaft zu Sex mit Till Lindemann sei mitunter abgefragt worden.

2. Was sagt die Band Rammstein zu den Anschuldigungen?

In einem ersten Statement schließt die Band aus, dass es in ihrem Umfeld zu einer Misshandlung kam. „Uns sind keine behördlichen Ermittlungen dazu bekannt“, schreibt Rammstein Ende Mai auf Twitter. Am Wochenende folgt eine zweite Stellungnahme, nun mit mehr Empathie. Jetzt verurteilt die Band „jede Art von Übergriffigkeit“, verwahrt sich gegen Vorverurteilungen – und nimmt dabei auch ihre Gegnerinnen in Schutz. „Sie haben ein Recht auf ihre Sicht der Dinge“, schreibt die Band und appelliert an die Fans, all jene Frauen nicht zu attackieren, die zurzeit Vorwürfe erheben.

Gemeint fühlen darf sich davon auch Till Lindemanns Ex-Freundin, der Boulevard-Star Sophia Thomalla; der „Bild“ gegenüber hatte sie Shelby Lynn als Lügnerin um des schnellen Ruhmes willen bezichtigt. Lynn wiederum teilt inzwischen Screenshots von Hass-Posts, mit denen sie sich konfrontiert sieht. Einer davon lobt ein Kopfgeld auf ihre Ermordung aus.

3. Wem können wir in der aktuellen Lage trauen?

Till Lindemann und seine Band bedienen eine Ästhetik des Tabubruchs, in der alles polarisiert: die Nazi-Bildsprache, die Penis-Kanone auf der Bühne und sogar der Bandname, der ja mit dem Flugunglück von Ramstein und seinen 70 Todesopfern spielt. Jeder hat zu Rammstein eine Meinung. Umso schwerer ist es, sich jetzt erstmal jede Meinung verkneifen zu müssen.

Die Öffentlichkeit weiß nicht, was wirklich passiert ist. Und bis sich das ändert, sollten wir von allen Beteiligten das Beste annehmen – auch wenn sich das in diesem Fall widerspricht. Für Lindemann gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung. Und seine Anklägerinnen verdienen den Respekt mutmaßlicher Opfer, die sich offenbaren. Sexuelle Gewalt ist ein Verbrechen mit hoher Dunkelziffer und geringer Anzeigebereitschaft. Die Debatte über Rammstein sollte nicht dazu führen, dass am Ende noch weniger Frauen den Mut finden, sich gegen Übergriffe zu wehren.

4. Was tun mit Lindemanns K.o.-Tropfen-Lyrik?

Die K.o.-Tropfen, von denen jetzt zu lesen ist, hat Till Lindemann in seinem Buch „100 Gedichte“ sogar lyrisch beschworen. „Wenn du schläfst“ heißt das Gedicht; so endet es: „Und genau so soll das sein (so soll das sein so macht das Spaß) / Etwas Rohypnol im Wein (etwas Rohypnol ins Glas) / Kannst dich gar nicht mehr bewegen / Und du schläfst / Es ist ein Segen)“.

Vor drei Jahren hat der Verlag Kiepenheuer & Witsch das als Rollenpoesie verteidigt. Heute sieht Verlegerin Kerstin Gleba „die von uns so eisern verteidigte Trennung zwischen dem ‚lyrischen Ich‘ und dem Autor/Künstler aber vom Autor selbst verhöhnt“. Das allerdings nicht wegen der aktuellen Vorwürfe, sondern wegen eines Pornos, in dem Lindemann auftritt.

Warum entdeckt der Verlag den ebenfalls drei Jahre alten Sexfilm erst jetzt? Wieso gilt die Trennung von Fakt und Fiktion im Gedicht, aber im Porno nicht? Darauf antwortet das Verlagsstatement nicht. Womöglich liegen dem Rückzieher also dieselben kommerziellen Motive zugrunde, die dazu geführt haben dürften, Lindemanns erbärmliche Lyrik überhaupt zu drucken.

Umso dringlicher ist aber der Hinweis: Selbst wenn Till Lindemann im Gedicht eine Vergewaltigung fantasiert, würde ihn das nicht zum Vergewaltiger machen. Er hat über den Kannibalen Armin Meiwes geschrieben und aus der Perspektive des Erfurter Amokläufers gereimt. („Den Kindern und dem Lehrer auch / Allen schoß ich in den Bauch”.) Bislang wurde ihm weder das eine noch das andere vorgeworfen.

Ist das ein gutes Gedicht? Nein. Würde man einer Freundin vom Backstage-Besuch beim Autor abraten? Auf jeden Fall. Sollte man sowas verbieten? Nein – wer aus progressiven Gründen die Kunstfreiheit einschränken will, sollte mal nach Florida gucken. Dort führt eine homophobe Gesetzgebung gerade zur Säuberung von Schulbüchereien. Wenn die Zensur einmal in der Welt ist, trifft sie die Minderheiten zuerst.

5. Ist das Groupie-Wesen eine Form von Machtmissbrauch?

In den ersten Reaktionen ist jetzt oft von Machtmissbrauch die Rede. Der Begriff ermöglicht ein moralisches Urteil, wo ein juristisches womöglich nie fällt. Zum Elend sexueller Straftaten gehört schließlich, dass sie oft schwer nachzuweisen sind. Grundsätzlich: Wenn Frauen bei Konzerten K.o.-Tropfen verabreicht wurden, braucht es den schwammigen Begriff nicht. Das wäre kein Machtmissbrauch, sondern ein Verbrechen.

Und was ist mit dem schwächeren Vorwurf? Einer Groupie-Akquise, bei der Kleidungsvorschriften erteilt und eine Beischlaf-Bereitschaft abgefragt worden sein sollen? Das kann man zynisch finden. Und natürlich ist das Verhältnis zwischen einem 20 Jahre alten Fan und dem dreimal so alten Weltstar asymmetrisch. Und dass dem Exzess hier eine Art Formularwesen vorgeschaltet sein soll, wäre selbst für Rammstein noch ungewöhnlich deutsch. Die Abhängigkeiten, wie sie in den MeToo-Fällen in Hollywood oder der Verlagsbranche beklagt wurden, liegen hier aber nicht vor. Ein Rockstar ist kein Produzent oder Vorgesetzter, der über Karrieren entscheidet. Und das wesentliche Kriterium für sexuelle Beziehungen ist nicht Symmetrie – sondern Einvernehmlichkeit.

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