Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Projekt der Bremer Lebenshilfe Bibel in Leichter Sprache: „Sofort gibt es Licht“

Von Eckhard Stengel | 02.11.2015, 19:46 Uhr

„Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.“ So steht es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Wer geistig behindert ist oder nicht gut Deutsch spricht, stolpert womöglich über die altertümliche Sprache. Dabei geht es auch anders

„Dann sagt Gott: Es soll Licht geben. Sofort gibt es Licht.“ So steht es in dem neuen Buch „Gott macht die Welt. Gott rettet Menschen und Tiere“, das am Montag von der Lebenshilfe Bremen vorgestellt wurde. Es beschreibt die Schöpfung und die Sintflut in sogenannter Leichter Sprache. Für diese gelten unter Fachleuten über 50 feste Regeln – vor allem: kurze Sätze, nur eine Aussage pro Satz, keine Fremdwörter, kein Genitiv, Bindestriche zur Untergliederung langer Wörter. Außerdem wird jede Textpassage illustriert. Die Schöpfungsgeschichte zum Beispiel beginnt mit einer Zeichnung des Illustrators Stefan Albers, auf der nur dunkelblaues Wasser zu sehen ist. Das nächste Bild zeigt hellblaues Wasser: Das Licht ist in die Welt gekommen.

Das jüngste Buch ist bereits die vierte Überarbeitung von Bibel-Erzählungen durch das Büro für Leichte Sprache der Bremer Lebenshilfe. 2010 starteten die Übersetzer mit der „Weihnachts-Geschichte in Leichter Sprache“. 2014 folgten die Oster- und die Josephsgeschichte. Mitte 2016 endet die Bibel-Reihe mit weiteren Episoden aus dem Leben von Jesus. Die „Aktion Mensch“ fördert das Projekt seit 2014 mit insgesamt 250.000 Euro. Auch weltliche Literatur ist in Arbeit: Das Büro für Leichte Sprache will künftig jeden Monat eine Kurzgeschichte eigener Auftragsautoren herausgeben.

Bei der Bibel-Übersetzung werden die Sprachfachleute durch einen Arbeitskreis aus evangelischen und katholischen Behindertenseelsorgern unterstützt: Sie überprüfen die theologische Haltbarkeit der vereinfachenden Formulierungen.

Bevor die Bücher in Druck gehen, werden alle Texte und Bilder von geistig Behinderten auf Verständlichkeit überprüft. „Das Buch ist richtig gut geworden“, sagt Testleser Karl-Heinz Büscher über die Neuerscheinung. Besonders freut ihn, dass Bremens Altbürgermeister Henning Scherf (SPD) als „richtiger Promi“ bei dem Projekt mitgemacht hat - als Vorleser für eine Hör-CD, die dem Buch beiliegt. Darauf ist auch eine Videofassung in leichter Gebärdensprache zu sehen.

Manche Behindertenpädagogen üben Kritik an der Leichten Sprache: Sie sei verdummend und grenze Behinderte erst recht aus. Lebenshilfe-Geschäftsführer Andreas Hoops und Anne Wrede vom Büro für Leichte Sprache weisen das zurück: Ziel der Übersetzungen sei nicht „schöne Sprache“, sondern dass jeder sie ohne weitere Hilfe verstehen könne – egal ob geistig Behinderte, Gehörlose, Menschen mit Leseschwächen oder Deutschlernende.

Auch Vorleser Scherf ist „überzeugt, dass das ein guter Weg ist“. Dass der religiös ungebundene Lebenshilfe-Verein immer wieder christliche Geschichten veröffentlicht, hat einen profanen Grund: Bei anderen Werken sei es „hochkompliziert, Nutzungsrechte zu erwerben“, erläutert Geschäftsführer Hoops. Außerdem müssten sich die Werke verkaufen lassen. „Da lag es nah zu sagen: Nehmen wir die Bibel“. Sie sei das meistgelesene Buch der Welt, und viele geistig Behinderte seien gläubig - „aber sie verstehen die Bibel nicht“. Der katholische Behindertenseelsorger Martin Merkens vom begleitenden Theologen-Arbeitskreis versichert aber: „Das ist kein missionierendes Projekt.“