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Vier Quadratmeter Erinnerung Taz scheitert mit Spendenaktion für Mahnmal

Von Eckhard Stengel | 29.01.2016, 17:14 Uhr

Wenn es um Vergangenheitsbewältigung geht, sind die Leser der Tageszeitung (taz) ziemlich freigebig. Innerhalb von drei Wochen spendeten sie 26000 Euro, damit die taz vier Quadratmeter Bremer Boden kaufen kann – nicht für sich selbst, sondern um dort ein Mahnmal zu errichten, das an die NS-Vergangenheit der 1890 in Bremen gegründeten Spedition Kühne und Nagel (K+N) erinnern soll. Doch die Aktion ist jetzt vorerst gescheitert: Die Stadt verkauft nicht einen einzigen Quadratmeter an die taz.

Eigentlich wollte die Logistikfirma, die zu den größten der Welt zählt, 2015 unbeschwert ihren 125. Geburtstag feiern. Doch Historiker und Medien förderten peinliche Fakten zutage: K+N habe prächtig daran verdient, dass die Nazis ab 1942 fast 70000 Wohnungen von verschleppten Juden in Frankreich und den Benelux-Staaten plünderten. Die Spedition, ein „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ mit „Gau-Diplom“, habe im Staatsauftrag bereitwillig mit Hunderten von Frachtschiffen und Güterzügen die Möbel der Naziopfer nach Deutschland transportiert, wo sie dann versteigert oder an Ausgebombte verteilt worden seien.

Das Unternehmen selbst hatte darüber lange geschwiegen. Erst nach den Enthüllungen ging es in die Öffentlichkeit: Wie auch andere Firmen sei K+N in die Kriegswirtschaft eingebunden gewesen „und musste in dunklen und schwierigen Zeiten seine Existenz behaupten“. „Kühne und Nagel ist sich der schändlichen Vorkommnisse während der Zeit des Dritten Reiches bewusst und bedauert sehr, dass es seine Tätigkeit zum Teil im Auftrag des Nazi-Regimes ausgeübt hat.“ Dabei seien aber auch „die seinerzeitigen Verhältnisse in der Diktatur“ zu berücksichtigen.

Zeitung bietet das Doppelte

Für die taz Bremen war das zu wenig Aufarbeitung und zu viel Beschönigung. Also ergriff sie selbst die Initiative: Sie startete ihre Spendenaktion für das Vier-Quadratmeter-Mahnmal. Die Gelegenheit war günstig, denn K+N will seine Bremer Verwaltung durch einen größeren Neubau ersetzen und braucht dafür ein städtisches Nachbargrundstück, genau 971 Quadratmeter. Vier davon hätte gerne die taz, und sie bot dem rot-grünen Senat sogar das Doppelte des mit K+N ausgehandelten Preises von nur tausend Euro pro Quadratmeter.

Doch der grüne Bausenator Joachim Lohse entschied jetzt, dass die Stadt das Grundstück nur als Ganzes verkaufe.

Die taz hatte mit der Absage schon gerechnet. In ihrem eher symbolisch gemeinten Spendenaufruf nannte sie vorsorglich einen Ersatz-Verwendungszweck: die Unterstützung älterer bedürftiger Juden in Bremen.

Ganz aufgegeben hat die Zeitung ihre Hoffnung aber noch nicht: Stadt oder Firma könnten ja auch ohne den Verkauf der vier Quadratmeter ein Mahnmal zulassen, sei es auf dem Gelände des 26 Millionen Euro teuren Neubaus oder direkt daneben, findet Redakteur Henning Bleyl als Initiator der Aktion. Jedenfalls sammelt die taz noch bis 20. Februar Ideen für die Gestaltung des Denkmals. Und sie will jetzt den Bremer Rechnungshof fragen, ob das Haushaltsnotlageland das doppelt so hohe Quadratmeterpreis-Angebot der taz einfach so ausschlagen darf.