Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Weihnachtszeit vor gut 75 Jahren Als Karl May und die Laubsäge ganz hoch im Kurs standen

Von Folkert Müller | 14.12.2019, 13:07 Uhr

Bastelarbeiten statt Smartphone, Schlittschuhlaufen statt PC-Spiele: dk-Autor Folkert Müller, Jahrgang 1929, erinnert sich an die Freuden der Zeit rund um das Weihnachtsfest in seinen Kindheits- und Jugendtagen.

Meine Enkel – elf bis 33 Jahre alt – staunen sehr, wenn ich von meiner Kindheit, die 1929 begann, und meiner Jugendzeit erzähle. Ihr Interesse ist groß. Vielleicht deswegen, weil ihre Lebensprägung eine ganz andere ist.

In meinen ersten beiden Lebensjahrzehnten übte in der Regel nur der Vater einen Beruf aus. Die Gehälter waren niedrig. Mein erstes Gehalt, das ich als Vikar mit 24 Jahren bezog, als ich den fünften Pfarrbezirk in Delmenhorst selbstständig zu versorgen hatte, betrug 150 D-Mark monatlich. Die Mütter hatten mit dem Haushalt vollauf zu tun. Es gab noch keine Waschmaschine. Der wöchentliche Waschtag war eine große Anstrengung. Die Teppiche wurden draußen auf der Teppichstange geklopft; Staubsauger waren aus Kostengründen noch nicht weit verbreitet.

Im großen Garten gab es viel zu tun; man war auf seine Erträge angewiesen. Rasenflächen, wie heutzutage, konnte man sich nicht leisten. An jedem Tag mussten Einkäufe erledigt werden – ohne Auto.

Die Zeit vor Weihnachten

Die im Herbst gesammelten Kastanien und Eicheln wurden hervorgeholt. In die hineingebohrten Löcher wurden Streichhölzer gesteckt. So entstanden zum Beispiel Menschen, Pferde und Wagen. Meine Mutter nahm sich die Zeit, ihren Kindern an jedem Spätnachmittag ein Märchen vorzulesen. Vor dem Einbruch der Dunkelheit waren wir mit dem Schlitten unterwegs. Noch lieber fuhren wir mit unseren Schlittschuhen über den Dreiecksee am Stadion in Düsternort.

Wir Jungen werkelten und bastelten. Wir betätigten uns vor allem mit der Laubsäge. So entstanden Weihnachtsgeschenke wie Schlüsselbrett, Frühstücksbretter, Serviettenständer und Wandbilder. Die Mädchen waren mit Handarbeiten beschäftigt. Einmal in der Woche sendete Radio Bremen ein spannendes Hörspiel, auf das wir uns immer freuten.

Die Zeit nach Weihnachten

Meine Mutter saß häufig an der Nähmaschine, um etliches an der Leibwäsche und den Hemden auszubessern. Oder es wurden Strümpfe gestopft. Wir Kinder spielten „Mensch ärgere Dich nicht“, Mühle, Dame, Halma oder Schach.

Unsere Arbeiten mit der Laubsäge veränderten sich. Jetzt konzentrierten wir uns auf die Herstellung von Futterplätzen für Vögel sowie von Nistkästen im Garten.

Die Leihbüchereien hatten Hochkonjunktur. Es wurde viel gelesen. Als Kind hatte ich meine Freude an den illustrierten Geschichten von Wilhelm Busch. Ganz beeindruckt war ich von „Robinson Crusoe“ und „Onkel Toms Hütte“. Danach „verschlang“ ich viele Bücher von Karl May.

Zu den Freuden des Winters gehörte für mich auch, Holzstämme in Stücke zu sägen und anschließend mit dem Beil zu zerteilen. Gern trug ich so dazu bei, dass wir es in unserer Wohnküche mit dem kombinierten Küchenherd gemütlich warm hatten.

Mehr Informationen:

In den ersten Nachkriegsjahren war im Handball der SSV in Delmenhorst die führende Mannschaft. Damals gab es noch keinen Hallenhandball. Im Feldhandball wurden zwei Halbzeiten von je einer halben Stunde gespielt. Das Punktspiel gegen den amtierenden Niedersachsenmeister Germania Wilhelmshaven haftet noch gut in meinem Gedächtnis. Trotz des mächtigen Schneegestöbers war eine stattliche Zuschauerzahl auf dem Sportplatz neben dem DLW-Werk erschienen. Das Spiel endete wegen der widrigen Witterungsverhältnisse mit einem „Fußballergebnis“, nämlich mit 2:1! Das Siegtor, erzielt durch den Linkshänder Friedel Böning (wenn ich mich recht erinnere), wurde entsprechend bejubelt. fmü