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Delmenhorster gründen Verbund Schulterschluss gegen die Ausbildungsmisere in der Pflege

Von Kai Hasse | 29.08.2019, 08:08 Uhr

Um die Pflege von Alten, Kranken und Kindern steht es schlecht. Es drohen Aufnahmestopps in Pflegeeinrichtungen. Ein neuer Verbund soll das verhindern. Er hat sich am Mittwoch, 28. August gegründet.

Pflegeeinrichtungen, Pflegeschulen und öffentliche Einrichtungen der Pflege üben nun den Schulterschluss. Denn sie haben eine recht düstere Vision vor sich: Immer mehr Aufnahmestopps von Pflegeeinrichtungen, und damit eine mangelnde Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Die Aussichten sind finster – und ein Ausbildungsverbund Pflege soll helfen, den Beruf für junge Menschen sicher, verlässlich und attraktiv zu machen. Er hat sich nun gegründet.

Die neuen examinierten Kräfte werden nicht mehr reichen

Ein Blick ans andere Ende des Landes macht die Akteure von Stadt und Pflegeausbildung nervös: Im Landkreis Lüneburg haben 60 Prozent der Pflegeeinrichtungen mangels Personal einen Aufnahmestopp. Das soll hier nicht so weit kommen. Aber die ersten Anzeichen sind bereits da: In stationären Pflegeeinrichtungen direkt vor den Toren der Stadt – Wichernstift sowie im Wohnpark am Fuchsberg – ist es wegen des Fachkräftemangels zu Aufnahmestopps gekommen. Inklusive Wichern- und Hildegardstift gibt es in Delmenhorst derzeit 806 stationäre Pflegeplätze. Etwa 185 weitere werden in Einrichtungen am Moorweg und an der Cramerstraße hinzu kommen. Auch wegen dieser beiden Neubauten und außerdem wegen des insgesamt zunehmenden Pflegebedarfs werde die Zahl der notwendigen Pflegekräfte steigen. Die pro Jahr etwa zehn fertig werdenden examinierten Pflegekräfte reichen laut Stadt nach jetzigem Stand jedoch gerade, um die ausscheidenden Kräfte zu kompensieren.

Ausbildung in Teilzeit kommt

Das also gilt es zu meistern. Dafür haben sich Vertreter des Krankenhauses, der Pflegeschulen, der stationären und ambulanten Einrichtungen sowie weiteren öffentlichen Institutionen nun im Delmenhorster Ausbildungsverbund Pflege zusammengeschlossen. Ihre Absicht: langfristige Sicherung des Pflegefachkräftebedarfs in Delmenhorst und umzu; verlässliche und planbare Strukturen; Weiterentwicklung der praktischen und theoretischen Pflegeausbildung wie beispielsweise eine Ausbildung in Teilzeit; Aufbau eines Netzwerkes zur Pflege.

Alle sind beim Verbund eingeladen

Der Vorsitzende der Delmenhorster Pflegekonferenz, aus deren Arbeit nun die Gründung des Ausbildungsverbunds mündete, Michael Pleus, sieht in dem Schulterschluss viele Chancen. „Frohen Mutes“ sei man, so der Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes Delmenhorst, dass man sich gut austauschen werde, und appellierte: „Alle diejenigen, die den Weg noch nicht zu uns gefunden haben, sind eingeladen.“ Die Stadt stellt dazu fest, dass bei den meisten inhabergeführten ambulanten Diensten noch Zurückhaltung herrsche – und zwar in puncto Ausbildungsverbund sowie Ausbildungsbereitschaft. Pleus stellte fest, dass die Steigerung der Attraktivität des Berufes ein Kernpunkt sei. „Wir müssen die Menschen begeistern für diesen Beruf. Wenn sie einmal die Ausbildung abbrechen, haben wir sie für immer verloren.“

"Genralistik" wandelt den Ausbildungsberuf

Ein wichtiger Hintergrund des Zusammenschlusses ist auch die Umstellung der Pflegerausbildung: Die Ausbildungsberufe Gesundheits- und Krankenpflege, Altenpflege und Kinderkrankenpflege werden vereinheitlicht. Die ersten beiden Ausbildungsjahre werden grundsätzlich angeglichen. Ab dem dritten Jahr spezialisieren sich die Auszubildenden dann auf einen Kernbereich. Diese „Generalistik“ genannte Wandlung gilt ab Beginn 2020. Beginnen können Berufsanfänger diese Ausbildung im Sommer 2020. So soll eine generelle Aufwertung des Berufs erreicht werden. Die Neustrukturierung erfordert eine enge Zusammenarbeit der Ausbildungsbetriebe und Schulen. Die Ausbildung wird finanziert durch die Krankenhäuser (57,2 Prozent), die Pflegeeinrichtungen (30,2), das Land Niedersachsen (9) und die Pflegeversicherung (3,6).