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Ein Zeitzeuge erinnert sich Delmenhorster Eltern wurden nach Kriegsbeginn 1939 ganz still

Von Folkert Müller | 31.08.2019, 09:36 Uhr

Probefliegeralarm und Verdunkelungsübungen haben nichts Gutes ahnen lassen. Dennoch kam der Kriegsausbruch am 1. September 1939 überraschend.

Im Frühjahr 1939 wurde ich als Zehnjähriger Mitglied im Jungvolk, einer Gliederung der Hitlerjugend. Diese war im selben Jahr zur obligatorischen Staatsjugend erklärt worden. Sportwettkämpfe, Hindernisrennen, Geländespiele und Schießübungen waren eine Erziehung zu Härte und Ausdauer. Sie diente zur vormilitärischen Ausbildung.

Unsere Familie hatte 1938 einen Neubau bezogen. Die Kellertür war laut Vorschrift nicht aus Holz, sondern aus Stahl. Die Begründung: Brandschutz bei eventuellen Luftangriffen.

Kein Lichtstrahl durfte nach außen dringen

In gewissen Abständen, auch während des Unterrichts an der damaligen Oberschule an der Willmsstraße, gab es Probefliegeralarm. Wir mussten dann die Kellerräume aufsuchen. Nachts gab es Verdunkelungsübungen. Die Straßenbeleuchtung wurde abgestellt. Aus den Wohnungen durfte kein Licht nach außen dringen. Deshalb mussten die Fenster ganz abgedichtet sein. Luftschutzwarte sorgten für die Befolgung der Anordnungen.

Ab und zu marschierten Truppen, die in der neuen Caspari-Kaserne untergebracht waren, durch die Stadt. So wurde der Bevölkerung der feste „Wehrwille“ des Militärs demonstriert. Dagegen wurde der Militärflugplatz in Adelheide kaum erwähnt. Von dort flogen bald Flugzeuge Angriffe auf Ziele in Polen. Bei Dünsen, getarnt im Wald zwischen Adelheide und Harpstedt, entstand ein Munitionslager.

Auf den Pausenhof befohlen

Im Rundfunk hörten wir immer wieder die Forderung der deutschen Regierung nach einem Korridor durch Polen nach Ostpreußen. Polen ließ sich nicht einschüchtern. Litauen gab jedoch das von Ostpreußen abgetrennte Memelland im Frühjahr 1939 „freiwillig“ zurück.

Am 1. September 1939 wurden wir gegen 10 Uhr auf den Schulhof befohlen. Alle Klassen waren angetreten. Nach dem Hissen der Hakenkreuzfahne teilte uns Direktor Bode mit, dass sich Deutschland mit Polen im Kriegszustand befinde. Dann sangen wir gemeinsam das Horst-Wessel-Lied („Die Fahne hoch“) und die erste Strophe des Deutschlandliedes („Deutschland, Deutschland über alles“). Danach wurde der Unterricht wieder aufgenommen.

Kriegsgefahr lag in der Luft

Doch niemand war so recht bei der Sache. Wenn auch seit Wochen Kriegsgefahr in der Luft lag, so kam der Kriegsausbruch doch überraschend.

Zwei Tage später war ich am Nachmittag bei einem Schulfreund, als uns die Radiomeldung vom Eintritt Großbritanniens und Frankreichs in den Krieg förmlich elektrisierte. Die Eltern meines Schulfreundes wurden ganz still. In Erinnerung an den Ausgang des Ersten Weltkriegs hörte ich von ihnen nur den einen Satz:

„Wenn das man gut geht!“

Auch meine Eltern zu Hause waren kleinlaut und überließen mich allein meinen Gedanken. Die Gruppe von Austauschschülern aus England war sehr konsterniert und tat mir sehr leid. Sie wurde sofort aus Deutschland verwiesen.

Beim nächsten Dienst im Jungvolk wurde uns gesagt: „Ihr könnt stolz sein, in dieser bedeutendsten Epoche deutscher Geschichte zu leben! Ihr könnt diese mitgestalten.“

Müde wegen nächtlicher Alarme

Unsere Schulzeit wurde vom Krieg geprägt. Durch die nächtlichen Fliegeralarme kamen wir häufig müde zum Unterricht. Eine Bombe riss das Dach von unserem Wohnhaus ab. 1941 kamen wir durch die Kinderlandverschickung nach Bayern oder Kärnten und wurden so von unseren Eltern getrennt.

Wieder zurück wurden wir später abwechselnd in jeder Nacht als Wache eingesetzt: Je drei Schüler und ein Lehrer übernachteten in der Schule, um im Bedarfsfall zu melden, wenn eine Brandbombe eingeschlagen war. In späteren Kriegsjahren wurden viele Klassenkameraden Luftwaffenhelfer in einer Flakstellung bei Oldenburg. Gegen Ende des Krieges wurden etliche noch zur Infanterie oder Marine eingezogen. Ich kam als Jüngster der Klasse zum Volkssturm und zur schmerzlichen Feindberührung.

Heil durch die Kriegsjahre gekommen

Bei einem spontanen Treffen eines Teils unserer ehemaligen Klasse 15 Jahre nach Kriegsbeginn waren unsere Gespräche von Dankbarkeit gekennzeichnet. Wir hatten zwar keine unbeschwerte Kindheit gehabt, aber waren doch heil durch die Kriegsjahre gekommen. Mit großer Zuversicht blickten wir in die Zukunft, obwohl uns der „Kalte Krieg“ zwischen West und Ost doch bedrückte.