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Neue Grabformen und Kooperationen Abkehr vom Familiengrab fordert Delmenhorster Friedhof

Von Sonia Voigt | 11.04.2019, 00:32 Uhr

Mit gärtnerisch gestalteten, aber für Angehörige pflegefreien Grabformen versucht der Friedhof an der Wildeshauser Straße seinen Parkcharakter zu erhalten. Lücken zwischen Familiengräbern und der Trend zum Rasenfeld erschweren die Pflege.

Zwischen liebevoll bepflanzten, von Angehörigen gepflegten Familiengräbern tun sich zunehmend Lücken auf, dafür wachsen die Rasengrabfelder – und das Personal kommt mit den Grünarbeiten kaum hinterher. Die Veränderungen in der Bestattungskultur, sie werden auf dem Evangelischen Friedhof an der Wildeshauser Straße immer deutlicher sichtbar. "Diese Entwicklung hat vor ungefähr 15 Jahren eingesetzt", berichtet Friedhofsverwalter Ralf Behrmann, "und verändert das Bild des Friedhofs nachhaltig." Sich darauf einzustellen ist für die Friedhofsverwaltung und den Träger, die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Heilig-Geist eine Herausforderung.

Konventionelle Grabfelder bleiben frei

"Vor 30 Jahren war noch klar: ich gehe ins Familiengrab", vergleicht Pfarrer Christoph Martsch-Grunau. Heute sind die Sargbeisetzungen in den sogenannten Wahlgräbern, die für 30 Jahre mit der Option auf Verlängerung vergeben werden, selten geworden. "Immer mehr konventionelle Grabfelder bleiben frei", sagt Martsch-Grunau, der als zuständiger Pastor zugleich Geschäftsführer des 1897 eingerichteten Friedhofs ist. Dafür sind Urnenbeisetzungen, vor allem in pflegefreien Gräbern die Regel geworden. Die Gründe sind vielfältig. Teilweise fehlen Angehörige oder wohnen zu weit weg, um die Grabpflege zu stemmen, andere wollen ihrer Familie die Arbeit nicht zumuten. "So ein zwei oder drei Quadratmeter großes Grabbeet zu pflegen, ist schon ein immenser Aufwand", gibt Martsch-Grunau zu bedenken. Vor allem, wenn die Verpflichtung für 25 oder 30 Jahre gilt.

Grabpflege als Teil der Trauerbewältigung

Doch das individuelle Gestalten und Pflegen ist für manchen auch Teil der Trauerbewältigung. Dass bei den Gräbern im Rasenfeld keine individuelle Gestaltung über den Grabstein hinaus möglich ist, fällt manchem doch schwer, der sich im Vorfeld für ein komplett pflegefreies Grab entscheidet. "Viele Angehörige brauchen das Grab als Anlaufpunkt, auch wenn ihnen das anfangs nicht klar ist", beobachtet Friedhofsverwalter Behrmann. Im Winter drücken er und seine vier Mitarbeiter meist die Augen zu, wenn doch Blumen oder Engel an einzelnen Grabsteinen statt an einer zentralen Sammelstelle platziert werden. Doch im Frühjahr und Sommer müssen diese kleinen Handreichungen dem Rasenmäher weichen.

"Flickenteppich" und Pflanzenschutz erschweren Arbeit

Denn das Mähen der großen Rasengrabfelder, vor allem aber der vielen einzelnen leeren Grabstellen macht viel Arbeit. Das größere "Sorgenkind" der Friedhofsgärtner ist aber das Unkraut auf den Wegen, das zur Stolperfalle werden kann. "Seit der Änderung des Pflanzenschutzgesetzes vor einigen Jahren dürfen wir die Wege nicht mehr spritzen", erklärt Behrmann. Mit seinem Team hat er verschiedene Techniken ausprobiert und sich für ein Heißwassergerät zur Unkrautbekämpfung entschieden. Der Aufwand ist damit jedoch um ein Vielfaches größer. Um die Wege ganz frei zu halten, bräuchte es mehr Personal, doch die Kosten dafür müssten an die Grabnutzer weitergegeben werden. "Friedhöfe müssen sich aus ihren Einnahmen selbst finanzieren", erklärt der Friedhofsverwalter.

Schön angelegter "Erinnerungsgarten" ist beliebt

Den Spagat zwischen hübsch angelegten, aber für die Angehörigen pflegearmen Ruhestätten, die individuell mit kleinen Pflanzschalen und Kerzen verschönert werden dürfen, versucht das Friedhofsteam mit neuen Grabformen zu meistern. Dazu zählen seit gut drei Jahren die Gemeinschaftsgräber am Baum für jeweils 18 Urnen, von denen drei voll belegt sind. Bronzetafeln in Blattform nennen die Namen der Verstorbenen. Ein vierter Baum ist bereits gepflanzt. Aber auch der 2017 geschaffene "Erinnerungsgarten" soll helfen den Park- und Gartencharakter des Friedhofs angesichts wachsender Rasenflächen zu erhalten. "So eine kreative Umnutzung ist aber nur möglich, wenn genug Flächen frei sind", erklärt Pastor Martsch-Grunau. Bei den Jahrzehnte langen Nutzungszeiten der Gräber dauert dies, in der Zwischenzeit ergibt sich ein Flickenteppich aus belegten und freien Grabstellen. Doch beim "Erinnerungsgarten", eine auf gut 50 Quadratmetern angelegte, von Gärtnern gepflegte Ruhestätte mit Platz für 15 Partner- und 60 Einzelurnengräber sowie zwei Sarggräber, habe sich der Aufwand gelohnt. "Rund ein Drittel der Plätze ist schon vergeben", berichtet Friedhofsverwalter Behrmann. Und das bei rund 320 Beerdigungen im Jahr. Besonders die Partnerurnengräber sind gefragt.

"Jahr des Friedhofs" mit Programm und Kooperationen

Doch nicht nur mit diesem am Hauptweg zur Kapelle gelegenen Schmuckstück versuchen Kirchengemeinde und Friedhofsverwaltung, den Stadtpark-Charakter zu erhalten und Angehörigen einen schönen Friedhof zu bieten, der nicht nur ein Ort des Todes, sondern auch einer des Lebens ist. Mit dem Naturschutzbund (Nabu) und den Berufsbildenden Schulen (BBS) II ist kürzlich ein Insektenhaus realisiert worden. Die "Werkstube" des evangelischen Kindergartens "Die Arche" besuchte den Friedhof am Dienstag, um 600 von den Kindern im Herbst gepflanzte Osterglocken in voller Blüte zu sehen. Kommenden Herbst soll die Aktion fortgesetzt werden. So unbefangen wie die Kinder, von denen vor dem Gärtnereinsatz nur einzelne schon mal auf dem Friedhof waren, um "Oma und Opa zu besuchen", sollen auch Erwachsene den Friedhof kennenlernen. Dafür ist ab dem Ewigkeitssonntag ein "Jahr des Friedhofs" mit Führungen und anderen Veranstaltungen mit verschiedenen Kooperationspartnern geplant. Sich zu Lebzeiten positiv mit Themen wie Tod, Bestattung und dem Friedhof zu beschäftigen, könne Menschen im Trauerfall entlasten, erklärt Seelsorger Martsch-Grunau: "Das ist eine Art präventive Trauerbewältigung."