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Vortrag in Delmenhorst Warum man manche Ernährungsweisheiten in Frage stellen sollte

Von Florian Fabozzi | 05.04.2019, 18:42 Uhr

In einem 90-minütigen Vortrag in der DRK-Zentrale in Delmenhorst entlarvt der ehemalige Chefarzt der Kinderklinik Johann Böhmann Ernährungsmythen. Dabei bekamen auch die Lebensmittelindustrie und die Politik “ihr Fett weg”.

Du musst fünf Portionen Obst und Gemüse essen und zwei Liter pro Tag trinken – dies sind nur zwei von vielen Weisheiten, die Vielen schon von klein auf eingebläut wurden. Nicht mit Johann Böhmann: Der Direktor des Instituts für Gesundheitsförderung wehrt sich in aller Deutlichkeit gegen sogenannte “Ernährungszwänge”. Vor knapp 50 Gästen in den Räumen des DRK holte der 69-jährige am Donnerstagabend zum Rundumschlag gegen Ernährungsexperten, der Lebensmittelindustrie und der Politik aus.

Böhmann übt Generalkritik

Konkret ging es in dem Vortrag um die richtige Ernährungen von Senioren ab 65 Jahren, doch Böhmanns Vortrag glich mehr einer Generalkritik. Die vielen unterschiedlichen Ernährungstipps, so die Hauptthese, sorgen für Verwirrung. “Über Essen wird so heftig gestritten wie über Religion”, ließ der ehemalige Kinderklinik-Chefarzt verlauten. “Da braucht man schon ein dickes Fell.” Kein Wunder: Was Gesundheitsstatistiken angeht habe man in Deutschland, so Böhmann, Nachholbedarf – daher können sich viele Mythen halten, ohne hinterfragt zu werden.

Überhaupt könne man gut mit wenig auskommen. Ein ausgiebiges Frühstück oder fünf Portionen Gemüse am Tag sei nicht immer nötig. “Ich habe vor kurzem neun Tage gefastet und mich danach viel besser gefühlt”, erzählte Böhmann. Der Körper gewöhne sich sehr schnell daran und passe den Stoffwechsel entsprechend an. Ein weiterer Vorteil: Wenig essen steigert den Genuss. “Der beste Geschmacksverstärker ist der Hunger”, so Böhmann.

Vitamin C überbewertet

Bei der Ernährung sei die Zufuhr von Ballaststoffen von großer Bedeutung, insbesondere durch Kartoffeln, Reis und Hirse. Das häufig in der Werbung angepriesene Vitamin C sei dagegen überbewertet. Gerade alten Leuten fehle es viel häufiger an Vitamin D. Das wird nicht nur durch Nahrung, sondern auch durch Sonnenbestrahlung eingenommen. Deshalb empfiehlt Böhmann, hin und wieder “ein Sonnenbad zu nehmen”.

Wenig wohlgesonnen ist der Chefarzt den Machenschaften der Lebensmittellobby. Mit ihrer “Kampagne” gegen fetthaltige Ernährung und Diskussionen über Cholesterinwerte habe sie ein größeres Problem in den Schatten gestellt: den Zucker. Selbst in vermeintlich gesunden Fruchtsäften befindet sich laut Böhmann zu viel davon. Zucker gehe sehr schnell ins Blut geht und könne daher schlecht verarbeitet werden. Hier sei die Politik gefragt: “Ich bin für eine Zuckersteuer”, erklärt Böhmann. Im Gegenzug sollten gesunde Nahrungsmittel günstiger, die Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse gesenkt werden. Die Logik dahinter: Werden Lebensmittel teurer, dann werden sie automatisch seltener gekauft.

Böhmann für "Veggie Day"

Eine härtere Linie seitens der Politik wünscht sich Böhmann auch im Bezug auf Fleischkonsum. In New York habe man einen “Veggie Day” bereits durchgesetzt. “Wieso dann nicht auch hier?”, fragte Böhmann in die Runde. Zweimal Fleisch in der Woche sei die richtige Menge, auch um die Ausbeutung von Natur und Tiere zu reduzieren.

Die Menschen haben intuitiv ein Gefühl dafür, wie sie sich richtig ernähren müssen – davon ist Böhmann überzeugt. Doch warum tun sie es dann so oft nicht? “Kognitive Dissonanz” sei das Stichwort. Menschen handeln anders, als sie denken. Obgleich sie wissen was richtig ist, lassen sie sich doch vom Falschen verführen. Genau deswegen sei eine harte Hand durch die Politik gefragt.

Essen als soziales Event

Zum Wohlbefinden ist nicht nur entscheidend, was man isst, sondern mit wem. “Essen ist und war immer ein soziales Event”, erklärt Böhmann. Schließlich mussten schon die Neandertaler sicherstellen, dass die Gruppe überlebt und nicht nur der Einzelne. Gemeinschaft sei gerade für Rentner wichtig, die einsam sind und sich nutzlos fühlen, erklärt Böhmann und verweist dabei auf die ansteigende Anzahl von Depressionen im hohen Alter. In Bezug auf Ernährung stellte er fest, dass der Appetit im Alter abnimmt und ältere Menschen das Essen manchmal schlicht vergessen. Mahlzeiten müssen daher durch Gemeinschaft wieder aufgewertet werden.