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Projekt gegen Mediensucht Hilfe bei exzessivem Internetkonsum in Delmenhorst

Von Jasmin Johannsen | 01.05.2019, 10:42 Uhr

Nonstop online – Wer diesen Lebensstil pflegt, kann in eine Medienabhängigkeit rutschen. Auswege für Betroffene bietet die Anonyme Drogenberatung (drob) in Delmenhorst mit dem Projekt „re:set“ an.

Wenn PC und Smartphone das Leben bestimmen und die virtuelle die reale Welt immer stärker verdrängt, dann kann es sich um eine Mediensucht handeln. Bei der Anonymen Drogenberatung (drob) Delmenhorst werden erkrankten Menschen seit fünf Jahren Auswege aus dieser speziellen Abhängigkeit aufgezeigt. Nun wurde das Projekt „Re:set – Beratung bei exzessiven Medienkonsum“ in Delmenhorst und niedersachsenweit bis zum März 2020 verlängert.

Bedarf ist da

„Der Bedarf ist eindeutig da“, sagt Tim Berthold, Präventionsfachkraft bei der drob in Delmenhorst. Hatten sich 2017 noch 20 Betroffene und 19 Angehörige zum Thema Medienabhängigkeit beraten lassen, stiegen 2018 die Zahlen an: „Im vergangenen Jahr waren es 29 Klienten und Klientinnen und 34 Angehörige, die zu uns gekommen sind.“ Um die Hilfesuchenden kümmert sich Steffen Fietz, der als Fachkraft für Medienabhängigkeit eigens für die spezielle Sucht ausgebildet wurde.

„Der Übergang in die Abhängigkeit ist in diesem Fall oft fließend“, weiß Fietz. Wer ausgiebig am Computer spielt oder viel in sozialen Medien unterwegs ist, muss nicht per se süchtig sein. Generell würden sich eine Medienabhängigkeit oder ein problematischer Gebrauch allerdings oft an drei Punkten erkennen lassen: Eine verringerte Kontrolle, die Einordnung der Mediennutzung als höchste Priorität und der weitere Gebrauch trotz erheblicher gesellschaftlicher, beruflicher oder schulischer Konsequenzen. „Wenn selbst gesetzte Spielzeiten nicht eingehalten werden können oder aggressiv auf die Einschränkung durch Eltern reagiert wird, zeichnet sich ein Problem ab“, berichtet Fietz aus Erfahrung.

Was süchtig machen kann

Ob Computerspiele, das Streaming von Videos auf Portalen wie YouTube und Instagram oder gar eine Online-Sex-Sucht – die Betroffenen können nach ganz unterschiedlichen Mediensparten süchtig werden. Da sich die Erkrankten in der realen Welt oft sozial abschotten, nehmen mehr Angehörige die Beratung wahr. „Teilweise kann ich die Eltern dann beruhigen. Nicht jeder der herkommt, hat auch ein Problem“, erklärt Fietz. Der Generationskonflikt würde in solchen Fällen oft zu schlimmen Befürchtungen führen.

Obwohl die Statistiken angeben, dass vor allem 14- bis 16-Jährige von exzessiven Medienkonsum betroffen sind, hat Fietz eine andere Beobachtung in der Praxis gemacht: Zur Beratung würden eher erwachsene als jugendliche Abhängige kommen. Diese seien dann oft in den Dreißigern, hätten aber schon seit der Jugend exzessiv Computerspiele gespielt oder andere Medien konsumiert. Und auch das Geschlechterverhältnis unterscheidet sich in der Praxis enorm von der Statistik. Obwohl davon ausgegangen wird, dass alle Geschlechter von der Sucht gleich stark betroffen sind, lassen sich in erster Linie Jungs und Männer von Fietz beraten.

Positive Rückmeldungen

Obwohl Medienabhängigkeit in Deutschland noch nicht offiziell als Krankheit anerkannt ist, kommen die Krankenkassen für die Therapie auf. Inzwischen gibt es sogar Kliniken, die die Abhängigen ambulant oder stationär behandeln. „Zum Teil empfehle ich die Betroffenen dorthin weiter oder sie wünschen sich selbst eine Behandlung“, erklärt Fietz. Das wäre dann aber der letzte Schritt. Zuvor berät die Fachkraft in Einzelgesprächen, gibt Tipps für einen geordneten Alltag ohne exzessive Mediennutzung oder leistet Motivationsarbeit. Einige Betroffene berät Tietz schon seit einem Jahr: „Obwohl man in diesem Feld schwer über Erfolge sprechen kann, haben ich schon viele positive Rückmeldungen von Klienten und Angehörigen bekommen.“

Für die Zukunft wünschen sich Berthold und Fietz, dass das „re:set“-Projekt dauerhaft in der Delmenhorster drob angeboten werden kann. Denn eins ist klar: Der Internetkonsum wird in den kommenden Jahren wohl nicht abnehmen.