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Wiedererkennen reicht nicht Trickdiebstahl in Delmenhorst bleibt vorerst ungesühnt

Von Ole Rosenbohm | 22.05.2019, 16:05 Uhr

Weil die Beweise nicht ausreichten, ist ein 41-Jähriger nach einem Trickdiebstahl in Delmenhorst freigesprochen worden.

So groß war ihre Angst, dass die bestohlene 72-Jährige aus Delmenhorst nach der Tat keinem Unbekannten mehr ihre Wohnungstür öffnen wollte. „Selbst die Krankengymnastin musste ich absegnen“, berichtete die Tochter dem Landgericht Oldenburg. Ihre Mutter hätte später nur noch den Wunsch gehabt, zu erleben, wie der Täter verurteilt werden würde. Vergeblich. Die Vorladung zur Verhandlung erreichte die alte Dame noch, am selben Tag aber starb sie.

Frau sollte als Ablenkung Wasserhahn beobachten

Geschehen war am 10. Mai 2017 das: Unter dem Vorwand, die Wasserleitungen überprüfen zu wollen, betrat ein sich als Wasserwerker ausgebender Trickbetrüger (laut Anklage der Angeklagte) die Wohnung und lockte die Frau zur Dusche, wo sie den laufenden Wasserhahn beobachten sollte. Währenddessen muss ein nicht ermittelter Komplize die Wohnung durch die wohl noch offene Tür betreten und Schlaf- sowie Wohnzimmer nach Geld und Schmuck durchsucht haben. Knapp 600 Euro plus Schmuck im Wert von über 1000 Euro wurden entwendet. Nachdem sich der Wasserwerker höflich verabschiedet hatte, erkannte die Frau den Diebstahl.

Entsetzen über Freispruch

Das Landgericht Oldenburg verhandelte am Dienstag den Fall in zweiter Instanz, nachdem der 41-jährige Angeklagte aus Bremen, einschlägig vorbestraft, vom Amtsgericht Delmenhorst wegen gemeinschaftlichen Diebstahls in einem besonders schweren Fall zu einem Jahr auf Gefängnis verurteilt worden war. Ziel seiner Berufung: Freispruch. Und genau den gab es – zum Entsetzen der Tochter.

„Die Reaktion war eindeutig – ich hatte keinen Zweifel.“

Denn die hatte miterlebt, wie ihre Mutter den Angeklagten bei der Polizei im Rahmen einer „Wahllichtbildvorlage“ unter mehreren Portraitfotos sicher identifiziert haben wollte. Auch der ermittelnde Polizist sah damals den Angeklagten als überführt an, zumal auch die Reaktion des Opfers für sich sprach: Die Frau habe gezittert und geweint, als sie den vermeintlichen Täter erkannte. „Ein Flashback“, sagte der Ermittler: „Die Reaktion war eindeutig – ich hatte keinen Zweifel.“

Weitere Beweise fehlen

Das Problem ist nur: Mehr als die Aussage des Opfers hatte er nicht in der Hand. Eine Durchsuchung der Wohnung hatte nicht stattgefunden, Fingerabdrücke gab es nicht, auch keine Videos oder Bilder von irgendwelchen Überwachungskameras. Eine Observation des Angeklagten war zudem ohne Ergebnis eingestellt worden. Und in den Fokus der Polizei geraten war er nur, weil er 2013 mal einen ähnlichen Trickdiebstahl durchgeführt, gestanden und für ihn verurteilt worden war. Und weil die Beschreibung der Zeugin auf ihn passte.

Verteidigung nutzt Polizei-Untersuchung gegen Ermittler

Dass sich Zeugen bei Wahllichtbildvorlagen irren können, ist bekannt – sicherer wäre eine seltener durchgeführte Gegenüberstellung. Der Anwalt des Angeklagten zog auch noch eine von der Polizei selbst veröffentlichte Untersuchung hervor, nach der die meisten einen Täter nicht oder falsch wiedererkennen würden. Besonders niedrig seien die Zahlen bei der Gruppe von Über-60-Jährigen.

Viele widerrufen ihre Aussage

„Der Mensch ist mehr als sein Passbild“, sagte der Verteidiger und wies darauf hin, wie oft Zeugen im Gerichtssaal beim Anblick des ganzen Menschen und dessen Bewegungen, ihre Aussage widerrufen, ihn sicher zu erkennen. Weil das Opfer tot sei, sei seinem Mandanten die Möglichkeit genommen, dass die Zeugin ihre Aussage widerrufe. Die Tat sei ihm somit nicht nachzuweisen. Staatsanwaltschaft und Gericht schlossen sich dieser Meinung an: Freispruch.