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Tag der Arbeit Gewerkschafter kritisieren prekäre Arbeitsbedingungen bei Kundgebung in Delmenhorst

Von Jasmin Johannsen | 01.05.2021, 18:23 Uhr

„Jetzt erst recht!“ Unter diesem Motto hat die Kundgebung zum 1. Mai in Delmenhorst stattgefunden. Der Türkische Arbeiterverein, der Griechisch-Deutsche Kulturverein Dialogos und die Partei Die Linke hatten dazu aufgerufen.

„Heraus zum 1. Mai“: Diesem Ruf kamen am Samstag in Delmenhorst nur wenige Menschen nach. Zum Tag der Arbeit hatten der Türkische Arbeiterverein (DIDF), der Griechisch-Deutsche Kulturverein Dialogos und die Partei Die Linke zur Kundgebung unter dem Motto „Jetzt erst recht!“ auf dem Vorplatz am ZOB geladen. Dem Aufruf folgten nur knapp 40 Personen.

Reiche sollen Rechnung zahlen

„Wir mussten leider feststellen, dass alle Entscheidungen, die die Regierungen getroffen hatten, um die Pandemie zu mindern, hauptsächlich dem Schutz und der Bereicherung der Reichen dienten.“ So eröffnete Ayhan Zeytin vom DIDF mit seiner Rede die Kundgebung. Hunderttausende hätten ihre Arbeitsstelle verloren, Millionen seien in die Kurzarbeit geschickt und „mit niedrigen Löhnen abgespeist“ worden. Zur selben Zeit hätten „die reichsten Menschen der Welt ihr Vermögen erheblich vergrößert“. Er forderte: „Die Reichen sollen die Rechnung für die Pandemie und die Krise zahlen.“

Dieser Meinung schloss sich auch Edith Belz von der Linkspartei an. Sie legte ein besonderes Augenmerk auf die Situation der Wanderarbeiter in der Pandemie. Es sei gar nicht so einfach, Menschen anzuwerben, „die die schwere körperliche Arbeit für 9,50 Euro auf sich nehmen“, so Belz. „Doch statt Abhilfe zu schaffen und höhere Löhne zu zahlen, werden jetzt Georgierinnen und Georgier ‚ausprobiert‘.“ Prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen sowie wenig bis keine soziale Absicherung für die Wanderarbeiter begründen die Forderungen von Belz:

„Unsere Empfehlung ist, dass Kundinnen und Kunden ihrem Protest per Kaufentscheidung Ausdruck verleihen und 2021 die Finger vom Spargel lassen.“

Deniz Ali Altuntas von der DIDF-Jugend Delmenhorst widmete seine Redezeit der jungen Generation. „Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten und Azubis leiden seit über einem Jahr unter der Inkonsequenz der Bundesregierung und dem fehlenden technischen Fortschritt“, sagte Altuntas. Geld werde in Wirtschaft und Militär investiert und nicht in die Bildung. „Daher fordern wir, dass die Bundeswehr der Geldhahn abgedreht wird! Mehr Geld in Bildung und Gesundheit“, sagte Altuntas.

Der Stadtverband Delmenhorst des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DBG) beteiligte sich in diesem Jahr nicht an der Kundgebung. Pandemiebedingt nehme die DGB-Region Oldenburg-Ostfriesland, zu der auch der Stadtverband gehört, zurzeit an keinen öffentlichen Veranstaltungen teil, erklärte Klaus Pohl vom DGB. „Das ist natürlich bedauerlich, gerne wären wir hier dabei gewesen“, so Pohl weiter. „Aber wir haben uns für diese Vorschriften entschieden, an die wir uns nun halten wollen.“ Statt der aktiven Teilnahme, filmte der Delmenhorster DGB-Stadtverband auf dem Marktplatz eine Botschaft zum Tag der Arbeit, die online einsehbar ist.

Mehr Unterstützung gewünscht

Dieses Vorgehen sorgte bei den Organisatoren der Kundgebung für Unverständnis. Nicht nur der DGB habe sich in diesem Jahr nicht an der Kundgebung beteiligt, auch „befreundete Parteien“ wie die SPD und Die Grünen hätten abgesagt, so Zeytin. „50 Kilometer entfernt sind die Parteien und der DGB in Bremen heute auf der Straße. Gibt es dort kein Corona? Das macht keinen Sinn“, befand Zeytin. Er hätte sich mehr Unterstützung gewünscht.

Motto: "Jetzt erst recht!"

Edith Belz kann die Kritik an den heutigen Kundgebungen teilweise nachvollziehen. „Die Menschen dürfen niemanden treffen und fragen sich dann, warum eine Demonstration erlaubt ist“, sagte sie. „Aber wir feiern keine Party, das ist eine Kundgebung“, machte Belz deutlich. „Auf die Leute, die heute hier hergekommen sind, kann ich mich verlassen. Da gibt es keinen Stress und alle halten sich an die Hygienevorschriften.“ Schließlich habe man das Motto "Jetzt erst recht!" nicht grundlos gewählt.