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1. Hateslam in Delmenhorst Die geballte Portion Antipathie

Von Frederik Grabbe | 16.11.2017, 00:20 Uhr

Für Zeitungsredaktionen gehört es zum Tagesgeschäft, dass sie Zuschriften ihrer Leser erhalten. Per Brief, per E-Mail oder verstärkt durch soziale Medien. Darin äußern Leser ihre Meinung zur Berichterstattung – und die muss nicht immer positiv ausfallen. Manche Leser allerdings vergreifen sich derart im Ton, dass ihre Zuschrift unter Verschluss bleibt. Exakt diesen Fundus öffneten am Mittwoch in der Divarena sechs Redakteure des Delmenhorster Kreisblatts und seines Mutterhauses Neue Osnabrücker Zeitung beim 1. Delmenhorster Hateslam.

Hass, Wut, Gemeinheiten: So lässt sich der Tenor dieser Leserpost beschreiben. Egal ob Ehe für alle („Kinderseelen werden verbogen, wenn sie von einem gleichgeschlechtlichen Paar großgezogen werden“), eine Bombendrohung gegen das Delmenhorster Jobcenter („Ich finde sowas ziemlich lustig und auch gerecht“) oder Hochrechnungen der Stadt Delmenhorst zur künftigen Einwanderung („substanzlose und abenteuerliche Wischi-Waschi-Prognosen“) – die Themen gehen quer durch die Bank.

„Links-rot-rot-grünen Schmierfinken“

Doch schnell wird an diesem Abend klar, an dem die Journalisten Eyke Swarovsky, Nina Brinkmann, Thomas Breuer, Mareike Bader, Daniel Niebuhr und Katharina Ritzer diese Perlen in vier Themenbereichen vor fast 120 Gästen vortragen: Vom Unmut über das Thema ist es nicht weit bis zum Zorn über den Schreiber: Einzelne Redakteure werden als „Restkommunisten“ beschimpft, die eine „verkrüppelte Weltanschauung“ pflegen. Ohnehin bestünde die Redaktion nur aus „links-rot-rot-grünen Schmierfinken“, die eine „übelst nervende linke Einseitigkeit“ fabrizierten. Diese Geringschätzung äußert sich auch in gut gemeinten Ratschlägen: So heißt es auf eine Glosse über Laubbläser: „Gehen Sie gemütlich, langsam, in einen dunklen Keller, Ohrstöpsel einsetzen, Augen schließen, dann ihre Gedanken abschalten.“

Ein Hoch auf deutsche Hausmannskost

Welche absurde Formen der Austausch unter Lesern gerade im sozialen Netzwerk Facebook annehmen kann, verdeutlichte ein von den Redakteuren vorgetragener Wortwechsel über die Ladenöffnung eines syrischen Lebensmittelgeschäfts in Stickgras: Eine Vielzahl von Lesern hatte dieses Thema beschäftigt, gegenseitige Beleidigungen, Appelle für mehr Toleranz und das Hochhalten deutscher Hausmannskost inklusive. Einwanderung ist seit jeher ein Reizthema. Kein Wunder also, dass „Flüchtlinge und AfD“ beim Hateslam einen eigenen Themenblock stellten.

Aus Hass wird manchmal Reue

Bei so viel Hass dringt auch manchmal das Reuegefühl durch: „Womöglich habe ich unangebrachte Kommentare auf dk-online hinterlassen“, schreibt ein Leser – verbunden mit der Bitte, diese und acht möglicherweise angegebenen E-Mailadressen zu löschen. Aber auch gut gemeinte Hilfsangebote gibt es: So möchte sich ein gut ausgebildeter Kampfschwimmer für den Tierschutz einbringen – und sucht Hilfe beim Reporter: „Alles, was ich bräuchte, wären potenzielle Einsatzorte.“ Diese Hilfsbereitschaft erstreckt sich auch auf die Korrektur von Fehlern in der Zeitung. So verdeutlicht ein Leser mittels einer kleinen Abhandlung über die Kartoffelzucht den korrekten Gebrauch von „das“ und „dass“. Fehler schmerzen freilich die Redaktion – was aber nicht heißt, dass in manchen Fällen ziemlich lustige Stilblüten produziert werden: „Das gab’s noch nie: Kuh wird zum 2. Mal Miss Ostfriesland“ oder „Alte Menschen waren auch mal jung“ sind Sätze, die Journalisten nachträglich in die Tischkante beißen lassen, beim Hateslam aber nicht ausgelassen werden dürfen.

Geballte Portion Antipathie

Stand am Mittwoch in der Divarena vor allem die geballte Portion Antipathie im Fokus, war es umso willkommener, dass auch ein bisschen Liebe ausgebreitet wurde: Der Delmenhorster Poetry-Slammer Hauke Schrade alias „Schradde“ brachte beispielsweise ein Gedicht über seine Heimatstadt dar, das mit dem Satz endete: „Delmenhorst, ich hab‘ dich lieb“ – allerdings nicht, ohne zuvor einen sehr steinigen Weg über all die Unzulänglichkeiten dieser Stadt zu gehen. Komplett ohne Missgunst ging es beim Hateslam am Ende also nicht.