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111 Flüchtlinge angekommen Flüchtlingsaufnahme fordert Helfer in Delmenhorst

Von Jan Eric Fiedler | 20.12.2015, 21:03 Uhr

In der Sporthalle an der Weverstraße in Delmenhorst sind am Sonntag zahlreiche neue Flüchtlinge untergebracht worden. Die Helfer gewährten einen Einblick in den Ablauf der Aufnahme in

„Es ist ein stetiger Lernprozess.“ Dies betonte Oberbürgermeister Axel Jahnz am Sonntag mehrfach bei der Ankunft von 111 Flüchtlingen in der Sporthalle auf dem Bundeswehrgelände an der Weverstraße. Zahlreiche Hauptamtliche und Ehrenamtliche waren im Einsatz. Denn viele Hände müssen ineinandergreifen, um die Ankunft zu koordinieren und auch den Betrieb der Unterkunft sicherzustellen. „Es sieht alles leicht aus. Das ist es aber nicht“, sagte Jahnz.

Integrationslotsen stellen ersten Kontakt her

Um 10.04 Uhr bogen die beiden Busse auf die Weverstraße. Die Zahl der Flüchtlinge hat sie erst zwei Stunden zuvor erfahren, berichtete Fachbereichsleiterin Petra Gerlach. „Wo die Menschen herkommen, wissen wir nicht“, sagte sie. Auch ob viele Familien mit Kindern dabei sind, wussten die Helfer vor Ort nicht. „Die Integrationslotsen stellen den ersten Kontakt her“, erklärte die Fachbereichsleiterin. Die Lotsen teilten sich auf die Busse auf und wiesen die Flüchtlinge in mehreren Sprachen an, sich im großen Zelt neben der Turnhalle zu versammeln. Schon beim Aussteigen wurde es deutlich: Es sind viele Familien, knapp ein Viertel der Ankommenden sind Kinder, teils noch im Säuglingsalter. Das Klischee der alleinreisenden jungen Männer wird hier nicht erfüllt. „Diese Erfahrung haben wir hier noch nicht gemacht“, sagte auch Fachbereichsleiter Rudolf Mattern.

Jahnz begrüßt die Flüchtlinge

Nach nicht einmal zehn Minuten waren alle Neuankömmlinge im Zelt versammelt. Dort wurden sie von Jahnz und Gerlach begrüßt. Die Integrationslotsen übersetzen ihre Worte in mehrere Sprachen. „Ich heiße Sie herzlich willkommen in Delmenhorst und freue mich, dass Sie nach einer langen Reise gut angekommen sind“, sagte Jahnz zu den Flüchtlingen. „Wir werden alles dafür tun, dass Sie hier zunächst ein Zuhause finden.“

Die Hälfte der Flüchtlinge will Delmenhorst wieder verlassen

Gerlach erläuterte im Anschluss die ersten Schritte in der Unterkunft: „Sie sind unsere Gäste, wir bieten Ihnen an, sich hier auszuruhen. Wir wissen aber auch, dass einige von Ihnen gleich weiterreisen wollen.“ Sie forderte diejenigen, die nicht in Delmenhorst bleiben wollten, auf, sich zu melden. Dies war rund die Hälfte der gerade Angekommenen. Dass diese Frage gestellt wird, gehört auch zu den Lernprozessen, wie Jahnz später erläuterte: „Zu Beginn wussten wir nicht, dass 50 Prozent die Halle wieder verlassen.“

„Die Bundeswehr beschützt auch Sie“

„Für die Menschen, die bleiben wollen, werden Betten zugeteilt und Hygieneprodukte ausgeteilt. Sie haben die Möglichkeit, sich mit warmer Kleidung einzudecken“, erklärte Gerlach den Flüchtlingen. Auch auf die Besonderheit, dass die Halle auf einem Bundeswehrgelände steht, kam sie zu sprechen: „Die Bundeswehr beschützt uns und sie beschützt auch Sie. Sie müssen keine Angst haben, wenn Ihnen Personen in Uniform begegnen.“ In kleinen Gruppen ging es anschließend zur Aufnahme der Daten in die Halle.

Ohne Ehrenamtliche geht es nicht

Offensichtlich ist der hohe Personalaufwand: „Wir haben das Ehrenamt immer mit dabei“, sagte Jahnz. Dazu gehören unter anderem Ersthelfer und Freiwillige der AWO-Kleiderkammer sowie natürlich die Integrationslotsen. „Ohne sie geht es nicht“, sagte Jahnz. Gerade unter der Woche würde die Einbindung des Ehrenamtes aber schwierig sein.

Dazu kommen unzählige Hauptamtliche von der Stadt, der Feuerwehr, der Polizei, des Roten Kreuzes und der AWO, unter deren Leitung die Einrichtung steht. „Wir haben heute den vierten Advent, kurz vor Mittag“, sagte Jahnz mit Blick auf junge Verwaltungsangestellte, die in einer Umkleidekabine der Halle die Registrierung der Flüchtlinge übernahmen. „Sie sagen, dass ihnen die Arbeit Spaß macht. Das ist nicht selbstverständlich.“

AWO übernimmt Trägerschaft

Die AWO hat die Trägerschaft der Unterkünfte in Delmenhorst übernommen. „Wir haben ein festes Team auf- und eingestellt“, sagte Andrea Meyer-Garbe, stellvertretende Vorsitzende der AWO in Delmenhorst. „Wir haben einen Tagdienst, in dem eine pädagogische Fachkraft und eine Hilfskraft hier sind. Außerdem einen Abend- und einen Nachtdienst mit einer Hilfskraft“, erklärte Saskia Kamp, Koordinatorin. Sie bildet mit der pädagogischen Leiterin Gabi Baumgart die Leitung der Unterkunft. Unterstützt wird die AWO vom Roten Kreuz, das die Essensausgabe organisiert.

Zahlreiche Fragen gilt es neben der Aufnahme zu klären. „Wir sind dabei, ein Konzept für die medizinische Versorgung der Flüchtlinge in der Stadt zu stricken“, erklärte Kamp. So bieten Ärzte ehrenamtlich in der Halle am Stubbenweg eine Sprechstunde an. Eine Nachmittagsbetreuung für die Kinder werde derzeit mit den Jugendhäusern realisiert.

Auch Probleme in den Unterkünften

Kamp sprach aber auch offen über die Probleme, die es in den Unterkünften gibt: „Die Leute kommen mit bestimmten Vorstellungen nach Deutschland. Die stimmen nicht immer mit der Realität überein.“ Aufklärung sei wichtig, den Menschen zu zeigen, dass sich etwas tut. Auch in Delmenhorst habe es schon brenzlige Situationen gegeben, beispielsweise die Androhung eines Hungerstreiks. Die Lage sei aber schnell wieder befriedet worden. „Die Menschen müssen merken, dass es vorangeht, aber auch, was es in Deutschland alles braucht.“

Kinder spielen mit Helfern

Doch trägt dieser organisatorische und personelle Aufwand auch Früchte, wie nach wenigen Minuten in der Halle bereits deutlich wurde. Frauen mit Kindern auf dem Arm unterhielten sich entspannt während der Ankunft der Neuen, zahlreiche Kinder spielten vor der Halle, in den Gängen mit den Doppelstockbetten und auch mit den Helfern. An den Wänden waren selbstgemalte Bilder zu sehen. Berührungsängste schienen kaum vorhanden zu sein. Die Begrüßungsworte von Axel Jahnz scheinen zuzutreffen: Sie haben hier – zunächst – ein Zuhause gefunden.

Hinweis: Die Presse wurde bei der Ankunft der Flüchtlinge sowie auf dem Gelände der Unterkunft angehalten, keine Fotos zu machen, um die Privatsphäre der Flüchtlinge zu wahren. Deshalb wurde dieser Artikel mit einem Symbolfoto versehen.