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150 Menschen bei Versammlung Delmenhorster zeigen Flagge gegen Fremdenhass

Von Katja Butschbach, Katja Butschbach | 28.02.2016, 17:51 Uhr

Für Toleranz sind das Breite Bündnis gegen Rechts und Delmenhorster Bürger am Sonntag auf den Marktplatz gekommen. Anlass war ein von Bürgern organisierter Meinungsaustausch über Ängste angesichts der Flüchtlingszuwanderung, bei dem die Stadt einen fremdenfeindlichen Hintergrund nicht ausgeschlossen hatte.

Bürger mit größtenteils offenbar russischer Herkunft, die zum Austausch über Ängste durch Flüchtlingszuwanderung aufgerufen hatten, und vor allem Mitglieder des Bündnisses gegen Rechts haben am Sonntag auf dem Delmenhorster Marktplatz miteinander diskutiert. Nach etwa 20 Minuten war der offizielle Teil vorbei: Man einigte sich auf Vorschlag von Christian Glaß vom Breiten Bündnis gegen Rechts, das Gespräch voraussichtlich in der Stadtkirche fortzusetzen. „Wir machen an dem Punkt jetzt Schluss“, sagte Alexander Pfeifer, einer der beiden Organisatoren. Es sei „kein normales Gespräch“ möglich, „weil alle Leute leicht gereizt sind“. Aus Reihen der hiermit kritisierten Bürger kam dazu ein Lachen.

Einladungen in Briefkästen verteilt

Ohne Mikrofon hatten die Worte der Organisatoren Dimitri Zajzew und Pfeifer nur wenige der Bürger erreicht, die sich zur Diskussion auf dem Marktplatz eingefunden hatten. Die jungen Männer hatten mit in Briefkästen eingesteckten Zetteln zu dem Meinungsaustausch aufgerufen, auf denen diverse Ängste aufgelistet werden, die durch die Flüchtlingszuwanderung entstünden – etwa um Frauen, Kinder, Eigentum, „Unversehrtheit eures Leibes“ und „um eure Kultur und Religion“. Das Breite Bündnis gegen Rechts hatte daraufhin rechte Kräfte hinter dem Aufruf vermutet und laut Hartmut Nordbruch aus dem Bündnis 117 E-Mails an die Partner verteilt.

„Keine rechtsextremen Gedanken“

„Wir führen keine rechtsextremen Gedanken“, sagte Pfeifer nach Ende des offiziellen Teils. Zajzew erklärt: „Mir wurde auch geholfen, als ich nach Deutschland kam.“ Er selbst sei vor mehr als zehn Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen. Nun aber kämen junge Männer, die nicht gemeldet seien. Zajzew: „Wir wollen keine Hetzereien, wir sind nicht fremdenfeindlich.“ Auch sei man nicht gegen Flüchtlinge, die vor Krieg fliehen. Pfeifer erklärte, dass er 20 Jahre für seine russische Herkunft diskriminiert wurde, und jetzt seit Mitte letzter Woche Nazi genannt werde. Mit so einer Resonanz mit vielen Gegnern habe man nicht gerechnet, sagte Zajzew. Viele Menschen trauten sich nicht, über ihre Ängste öffentlich zu sprechen.

SPD-Landtagsabgeordneter Axel Brammer: „gewaltige Angst gegen Fremde“

SPD-Landtagsabgeordneter Axel Brammer nannte das Vorgehen der Organisatoren des Meinungsaustauschs schlicht „unprofessionell“. „Auf jeden Fall ist da eine gewaltige Angst gegen Fremde.“

Deniz Kurku aus der SPD-Stadtratsfraktion mahnte die Organisatoren: „Ihr vergiftet den Brunnen. Das ist Gift für Delmenhorst.“

Polizei: Ruhiger Verlauf

„Es war ein absolut ruhiger Verlauf“, sagte am Sonntag ein Polizeisprecher. Zu Spitzenzeiten seien 150 Menschen auf dem Marktplatz gewesen. „Wir mussten nicht einschreiten.“ Auch Beamte in Zivil seien dabei gewesen. Am stärksten vertreten gewesen sei das Breite Bündnis gegen Rechts. Bei den Organisatoren seien es etwa zwei Hände voll gewesen, so der Sprecher.

Gegendemo zeitlich nicht zu organisieren

Manuel Paschke von der Delmenhorster Linksjugend „solid“ erklärte, dass man eine Gegendemo nicht mehr rechtzeitig habe anmelden können. Auch Yadisar Polat vom Verein der Arbeiter und Jugendlichen aus der Türkei bedauerte, dass sie von der Versammlung so spät erfahren habe, dass sie keine Gegendemo mehr habe veranstalten können. Sie sei von Bürgern informiert worden, die das Schreiben im Briefkasten hatten und die entsetzt waren, „dass es so etwas hier gibt“. Sie habe sich an Pegida erinnert gefühlt. Polat sagte: „Wir haben es geschafft, dass unser Hotel nicht braun wird. Wir haben ein riesengroßes Bündnis für Miteinander und Solidarität.“ Im Sprecherrat des Bündnisses vertreten seien Vereine, Sportverbände, Politik, Türkischer Arbeiterverein, Kirche und DGB. „Es ist ein Querschnitt durch die Delmenhorster Bevölkerung“, so Nordbruch.

„Angstmacherei sehr gefährlich“

Andrea Meyer-Garbe, SPD-Fraktionsvorsitzende, freute sich, „dass es zu einem vernünftigen Austausch kommt“. „Ich habe mich noch mehr gefreut, dass so viele Delmenhorster Haltung gezeigt haben.“ Die Veranstalter hätten sich von ihrem Flugblatt distanziert. Sie habe den Inhalt als ängsteschürend begriffen.

„Angstmacherei ist sehr gefährlich“, sagte Brammer. Weiterer Teil seiner Bilanz des Nachmittags war auch: „Das Bündnis funktioniert.“