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1945: Frauen im Zwangseinsatz Stadtverwaltung griff auf NS-Verordnung zurück

26.06.2015, 19:48 Uhr

Militärregierung und Stadtverwaltung ordneten nach Kriegsende 1945 mehrfach den Arbeitseinsatz von Frauen an. Bei Nichterscheinen drohten harte Strafen.

Während des Zweiten Weltkriegs waren Frauen durch die Kriegssituation gezwungen, Tätigkeiten auszuüben, die bis dahin als Aufgabe der Männer galten. Dies setzte sich nach Kriegsende fort. Auch in Delmenhorst wurden Frauen, nachdem der Zweite Weltkrieg für die Stadt mit dem Einmarsch britischer und kanadischer Truppen am 20. April 1945 zu Ende gegangen war, zu zwangsweisen Arbeitseinsätzen herangezogen.

So erhielten zum Beispiel am 28. April 1945 150 junge Frauen aus Delmenhorst – meist aus dem Kreis des nationalsozialistischen Bundes deutscher Mädel (BdM) – von der britischen Militärregierung den Befehl zum Arbeitseinsatz im Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglager Sandbostel bei Bremervörde. Zwei Wochen lang hatten sie Arbeiten zu verrichten wie Kartoffelschälen, Säuberung der Baracken und Latrinen sowie Waschen und Versorgen der erschöpften und erkrankten von den Briten befreiten Häftlinge.

Entscheidung der Briten stellte Stadtverwaltung vor Probleme

Nach Ende der Kampfhandlungen waren rund 30000 ehemalige Fremdarbeiter, die jahrelang Zwangsarbeit in der deutschen Kriegswirtschaft geleistet hatten, in Delmenhorst-Adelheide zusammengezogen worden. Darüber hinaus lebten bereits in Lagern im Stadtgebiet – zum Beispiel im Weser-Flug-Rüstungsproduktionslager an der Teppichstraße, in der Caspari-Kaserne in Deichhorst und in Privatquartieren mehrere tausend Ausländer meist osteuropäischer Herkunft. Diese Displaced Persons (DPs) sollten durch Hilfsorganisationen wie die UNRRA der Vereinten Nationen in ihre Heimatländer oder in aufnahmebereite Staaten in Übersee zurückkehren oder auswandern.

Die plötzliche Entscheidung der Briten, die südlichen Blöcke der Caspari-Kaserne – im nördlichen Teil waren etwa 5000 Polen untergebracht – für Belegung mit Militär räumen und vorher säubern zu lassen, stellte die Stadtverwaltung vor Probleme. Diese musste für die Reinigung mit Zwangsanordnung vom 7. Mai 1945 auf die Notdienstverordnung des Dritten Reiches vom 15. Oktober 1938 zurückgreifen. Das NS-Regime hatte darin Frauen und Jugendliche – und später Schüler als Flakhelfer – zu „körperlichen Dienstleistungen“ verpflichtet. „Greise“ über 70 waren befreit.

Kaserneneinrichtung war demoliert und verschmutzt

Die Aufforderung der Stadtverwaltung dürfte zahlreichen Delmenhorsterinnen durch Boten am Montag, 7. Mai, überbracht worden sein. Sie hatten sich sofort zur Caspari-Kaserne zu begeben. Damit war ein „Ausweichen“ und Untertauchen kaum möglich; drakonische Strafen wurden angedroht.

Auch eine Tante des Verfassers fand sich am Kasernentor an der Wildeshauser Straße ein. Die Inneneinrichtung, so ihre spätere Erzählung, war weitgehend als „herrenloses Gut“ zuvor entwendet worden, der Rest demoliert und verwüstet. Alle Räume, nicht nur der Sanitärbereich, befanden sich in einem unbeschreiblich verschmutzten Zustand. Angeekelt machten die Frauen sich an die Arbeit, bis ein englischer Soldat meiner Tante auf die Schulter tippte mit den Worten „Not here“ und ihr einen anderen Platz zum Säubern zuwies.

Wer für die einrückenden Kanadier die Räume schließlich reinigte, ist nicht überliefert. Unterschriften und Datum vom 7. Mai 1945 auf dem im Privatbesitz befindlichen Schreiben der Stadt Delmenhorst bestätigen jedenfalls die Erledigung des angeordneten „Notdienstes“.