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2400 Personen im Monat Eingangszone beim Jobcenter – Manchmal geht es um die pure Not

Von Frederik Grabbe | 19.11.2018, 18:43 Uhr

In der Eingangszone des Delmenhorster Jobcenters werden im Monat 2400 Menschen vorstellig. Die Zone ist für zahlreiche Arbeitslose Drehtür zu einem großen Verwaltungsapparat. Manchmal geht es um die pure Not.

Eine Mutter ist mit ihren Nerven am Ende. In der Nacht hat ihr Ehemann die Familie verlassen. Glück im Unglück: Immerhin hat sie ihr Mann nicht mit den drei Kindern vor die Tür gesetzt. Bis auf das Kindergeld steht die Frau nun ohne Einkünfte da. Einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I hat sie nicht. Sie wendet sich an das Jobcenter. In der Eingangszone füllt sie mit den Mitarbeitern einen Antrag aus, um Arbeitslosengeld II zu erhalten. Diese vermitteln der Frau auch einen Termin zum Arbeitsvermittler in den kommenden Tagen.

Ein Fünftel aller Leistungsbezieher wird im Monat in der Eingangszone vorstellig

Solche Fälle der plötzlichen Mittellosigkeit gibt es im Delmenhorster Jobcenter immer wieder: laut Marion Denkmann, stellvertretendende Geschäftsführerin, 40 bis 60 Mal im Monat. Die Eingangszone des Jobcenters ist in vielerlei Belange erste Anlaufstelle für Arbeitslose: Rund 11.000 Menschen in Delmenhorst erhalten derzeit Leistungen vom Jobcenter. Etwa ein Fünftel von ihnen, etwa 2400 Personen, schlagen einmal im Monat in seinem Eingangsbereich auf. Damit dürfte die Eingangszone einer der am häufigsten besuchten öffentlichen Orte in der Stadt sein. Sie bildet eine Drehtür zu einem Verwaltungsapparat, der längst viel größer ist, als seine große Schwester, die Agentur für Arbeit in Delmenhorst.

„Speerspitze“ im Kampf gegen Arbeitslosigkeit

„Die Speerspitze“ nennen die Mitarbeiter die Eingangszone scherzhaft. Nimmt man dieses Bild auf, steht sie für den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit in der Stadt. 1400 der 11.000 Leistungsbezieher sind Flüchtlinge, zudem haben es gerade ältere Arbeitslose über 50 Jahre und Ungelernte schwer auf dem Arbeitsmarkt. Fünf Mitarbeiter kümmern sich in der Eingangszone täglich um 40 bis 50 Einzelfälle. „Das Tagesgeschäft ist sehr gemischt, man weiß nie ob eine Einzelperson oder eine ganze Bedarfsgemeinschaft kommt, jemand von hier, aus Bulgarien oder ein Flüchtling“, sagt Denkmann. Sind die Unterlagen meines Antrags noch in Bearbeitung? Wann wird mir das Arbeitslosengeld gezahlt? Wie lasse ich mich von der GEZ befreien? Wie fülle ich Anträge für Schulmaterial oder Nachhilfe für meine Kinder über das Bildungs- und Teilhabepaket aus? Das sind alles Fragestellungen für Bezieher von Hartz-IV, die die Mitarbeiter der Eingangszone bearbeiten.

 (Weiterlesen: Arbeitslosenquote stabil auf Abwärtskurs)

Manchmal geht es um die pure Not

Manchmal geht es auch um die pure Not. Wie beim Beispiel der verlassenen Mutter mit ihren drei Kindern wenden sich auch Obdachlose an die Mitarbeiter der Eingangszone, wenn sie sich ihren Wohnungslosen-Tagessatz von 13 Euro auszahlen lassen, um über den Tag zu kommen. Auch Hartz-IV-Bezieher, deren Versorger ihnen wegen nicht gezahlter Rechnungen den Strom gekappt hat und nun ein Darlehen brauchen, um die Stromversorgung zu sichern, damit die Lebensmittel im Kühlschrank nicht verschimmeln, schildern hier ihre Probleme. Am arbeitsreichsten sei ein Neuantrag auf Arbeitslosengeld II, sagt Mitarbeiter Marvin Cochran. Er und seine Kollegen machen sich ein Bild über die Einkommens- und Vermögenssituation einer Familie, fragen, warum sie sich in einer Lage der Hilfsbedürftigkeit befindet, legen den Datensatz neu an. Je nach Größe der Bedarfsgemeinschaft dauere das bis zu einer Stunde, sagt Chochran.

 (Jobcafé im Jobcenter: Steighilfe auf der Suche nach Arbeit in Delmenhorst)

„Wissen um manch‘ schweres Schicksal einiger Jobcenterkunden“

Eine lange Zeit für einen Mitarbeiter, der am Tag bis zu 50 Fälle bearbeitet. Der Bereich ist eigentlich einer für Schnellanliegen, der beispielsweise die Entscheidung, ob eine Leistung gezahlt wird, für einen anderen Sachbearbeiter lediglich vorbereitet, sagt Mitarbeiterin Ramona Schwarz. Ein Tipp des Teams an Jobcenterkunden lautet zum Beispiel, die Nummer der Bedarfsgemeinschaft in den Unterlagen gut sichtbar zur Hand zu haben, damit diese nicht erst am Beratungstisch herausgesucht werden muss. Das spare Zeit. Trotz dieses Zeitdrucks wollen die Mitarbeiter den Arbeitslosen menschlich begegnen, sagt Teamleiter Markus Ripke. „Wir wissen um manch‘ schweres Schicksal einiger Jobcenterkunden. Soweit es geht, wollen wir ihnen darum entgegenkommen.“