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25 Jahre Frauenhaus Ein Ort für Ruhe und Schutz in Delmenhorst

Von Frederik Grabbe | 28.09.2017, 16:35 Uhr

Früher wurde mit der Trennung noch gewartet, bis die Kinder groß waren, heute nehmen Frauen eher ihre Rechte wahr: Das Delmenhorster Frauenhaus wird 25 Jahre alt. Heute beherbergt es vor allem Migrantinnen. Am Samstag gibt es eine Feierstunde für die Einrichtung.

Es ist ein Ort, der ausdrückt, dass Frauen nicht rechtlos sind, und der Kommunen in die soziale Pflicht nimmt, Frauen vor häuslicher Gewalt zu schützen: Vor 25 Jahren ist das Delmenhorster Frauenhaus gegründet worden. Nicht ganz so lange, seit 24 Jahren, ist Birgit Sikken mit der Einrichtung verbunden. Erst als pädagogische Mitarbeiterin, ab 1995 als Leiterin. Einiges hat sich in den 25 Jahren gewaltig gewandelt. Zum Beispiel die Klientel – und die personelle Besetzung.

Sehr oft sehr voll und auch überfüllt

„Sehr oft sehr voll und oft auch überfüllt.“ So beschreibt Sikken die Belegung des Frauenhauses dieser Tage. Damit folgt das Delmenhorster Frauenhaus einem bundesweiten Trend. Der Grund: „Häusliche Gewalt wird allgemein nicht mehr so tabuisiert. Es ist kein Kavaliersdelikt mehr. Das gilt vor allem für zugewanderte Frauen oder Frauen mit Migrationshintergrund in zweiter oder dritter Generation, die nach und nach erfahren, dass der Stellenwert einer Frau in Deutschland ein anderer ist, als der im Herkunftsland“, sagt Sikken. Die rechtliche Stellung der Frau, für die das Gewaltschutzgesetz ab 2002 ein erheblicher Meilenstein gewesen sei, stelle darum mitunter ein „Kulturproblem“ dar. Denn Frauen schlagen zu dürfen, werden oft von Klientinnen zunächst als „normal“ bezeichnet.

(Weiterlesen: Häusliche Gewalt in Delmenhorst – Jeden Tag ein Opfer)

80 Prozent aller Betreuten sind Migrantinnen

Die Folgen dieser Entdeckung der eigenen Rechte sind für das Frauenhaus durchaus drastisch: Hatten 2010 noch 58 Prozent aller Frauen einen Migrationshintergrund, sind es 2017 80 Prozent. Insgesamt nahm die Einrichtung seit Gründung mehr als 1340 Frauen auf – und mehr als 1360 Kinder. Rechnerisch also betreut das Frauenhaus rechnerisch etwa 54 Fälle im Jahr.

Früher wurde mit der Trennung noch gewartet, bis die Kinder groß waren

Doch was hat sich verändert in all den Jahren? Sikken: „Das Beziehungsbild an sich war anders. Früher haben Frauen eher gewartet, bis die Kinder groß waren, und erst dann versucht, sich zu trennen. Vorher war die Angst zu groß. Wie sichere ich mich alleine sozial ab? Was sollen die Nachbarn denken?“ Die Gründung des Frauenhauses 1992, geboren aus den Errungenschaften der 60er Jahre, war laut Sikken eine Annahme der sozialen Verantwortung durch die Kommunen.

Schläge aber auch psychischer Druck

Das Thema Gewalt ziehe sich durch alle Schichten und ist nach wie vor nicht einfach auf Schläge oder dergleichen zu reduzieren. Auch Formen von psychischer Gewalt spielen eine Rolle. So erzählt Sikken, von einem Familienvater, der seiner Frau die Zündkerzen aus dem Auto drehte, um zum einen Kontrolle auszuüben und zum anderen sie daran zu hindern, Freunde zu treffen. Das Frauenhaus sei ein Ort der Ruhe, des Schutzes und der Zeit, um sein Leben neu zu ordnen.

Jobcenter ist erste Anlaufstelle

Im Laufe der Jahre haben sich feste Partner herausgebildet, mit denen das Frauenhaus regelmäßig kooperiert. „Das Jobcenter ist unsere erste Anlaufadresse“, sagt Sikken. Denn nach einer Trennung sei die Frau praktisch alleinerziehend und oft arbeitslos, ehe es zurück in ein geregeltes Leben gehe. Die Unterhaltsvorschussstelle der Stadt sei darum ebenso wichtig, aber auch Wohnungsgesellschaften wie die GSG oder Grand City Property, über die das Frauenhaus versucht, freie Wohnungen für die Frauen zu finden, die im Schnitt 22 Tage in der Einrichtung bleiben. Kein leichtes Unterfangen, wie Sikken angesichts der allgemeinen Wohnungsnot betont – weder in Delmenhorst noch in den angrenzenden Kommunen. Und mit der Polizei pflegt das Haus ohnehin engen Kontakt – für Notfälle sind die privaten Telefonnummern der Mitarbeiterinnen bei den Beamten hinterlegt.

Wunsch nach mehr Personal

Wenn Sikken nach einem Vierteljahrhundert Frauenhaus einen Wunsch frei hätte, dann wäre es der nach mehr Personal. Aktuell teilen sich insgesamt vier Frauen zwei Vollzeitstellen in der Einrichtung mit sechs Plätzen (inklusive Kinder), die von der Awo getragen und vom Land und der Stadt finanziert wird. 1992 waren es noch fünf Vollzeitstellen. „Dabei ist der Arbeitsaufwand heute durch vielschichtige Problemlagen, unzureichende Bildung und nicht ausreichende Sprachkenntnisse der Frauen ungleich höher“, sagt sie.