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4. Delmenhorster Fachtag Integration Aydan Özoguz: „Zuwanderung ist eine Chance für uns“

Von Frederik Grabbe | 19.11.2015, 14:38 Uhr

Flüchtlinge sollen schneller und besser integriert werden, forderte Staatsministerin Aydan Özoguz. Einmal mehr blickte die Stadt stolz auf ihre Integrationslotsen.

Mehr sozialen Wohnungsbau, ein Einwanderungsgesetz ohne „idiotische Finessen“ und die schnellere Integration von Zuwanderern: Dies sind Kernforderungen, die die Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration und stellvertretende Bundesvorsitzende der SDP, Aydan Özoguz, am Donnerstag beim 4. Delmenhorster Fachtag Integration in der Markthalle gestellt hat. Bei dem Fachtag, der unter dem Titel „Facetten der Zuwanderung: Mythen und Realitäten“ stand, sprachen verschiedene Referenten unter anderem über die Migrationssteuerung, über die Integration von Zuwanderern in Arbeit oder über die aktuelle Gesetzeslage zur Einwanderung. Rund eine Stunde nahm sich Özoguz Zeit, um vorwiegend über das Thema Flüchtlinge zu sprechen. Zunächst stellte sie einen „Mentalitätswechsel“ fest, der sich über die Jahrzehnte in der Bundesrepublik vollzogen habe. Habe 1983 die CDU/FDP-Regierung in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten: „Die Bundesrepublik ist kein Einwanderungsland. Der Zuzug von Ausländern ist zu unterbinden“, gebe es heute zahlreiche Sprach- oder Integrationskurse für Zuwanderer. Erstere aber auch erst seit 2005 – „50 Jahre nach dem Ankommen der ersten Gastarbeiter“, so Özoguz. „Wir müssen uns klar machen, wo wir gestartet sind und was wir inzwischen erreicht haben.“

„Riesige Herausforderung“

Die Aufnahme und Integration von Zuwanderern sei eine „riesige Herausforderung“. In Bezug auf Wohnraum für Flüchtlinge sagte Özoguz: „Wir brauchen keinen Wohnungsbau für Flüchtlinge, wir brauchen sozialen Wohnungsbau.“ In gemischten Quartieren, so Özoguz, sei Integration viel besser möglich. Ferner forderte sie eine „deutliche schnellere“ Bearbeitung von Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). „Wir müssen auch schneller Integrationspunkte finden. Was kann ein Asylbewerber? Wo können wir ihn einsetzen? Müssen wir ihn nachqualifizieren? Wie weit ist er mit der Sprache?“, fragte sie exemplarisch. Künftig sollen Anerkennungsverfahren nach drei Monaten entschieden sein, auch wenn das BAMF diese Quote derzeit lange nicht erreiche. Man sollte die Integration in den Arbeitsmarkt trotz hoher Versorgungs-, Unterbringungs- und Qualifizierungskosten als „Chance für Deutschland“ begreifen und so Flüchtlingen die Möglichkeit geben, sich selbst zu versorgen. „Unsere Gesellschaft altert. Zuwanderung ist eine Chance für uns.“

 (Weiterlesen: Themenportal Flüchtlinge in Delmenhorst) 

„Ohne Integrationslotsen sähe es in Delmenhorst ganz anders aus“

Für eine bessere Integration brauche es aber auch ein Einwanderungsgesetz ohne Widersprüche. Özoguz machte dies anhand von Asylbewerbern vom Balkan deutlich: „Asyl, nein. Arbeiten ja. Aber dazu müssen sie erst ausreisen und einen neuen Antrag stellen. Wir brauchen ein Gesetz, ohne diese idiotischen Finessen.“

Zuvor hatte Oberbürgermeister Axel Jahnz ebenfalls die Integration durch Arbeit angesprochen. Erste Gespräche mit dem Jobcenter seien unlängst geführt worden. „Zuwanderung bedeutet auch eine Veränderung der Gesellschaft. Darauf freue ich mich.“ Bei dem Fachtag, organisiert von Stadt, VHS und Diakonie, lobte der Geschäftsführer des Diakonischen Werkes, Frank-Josef Franke, insbesondere die Integrationslotsen der Stadt, die etwa bei der Aufnahme von Flüchtlingen übersetzen und vermitteln: „Sie sind ein Zeichen dafür, was uns Menschen bringen, wenn sie integriert werden.“ Ohne die Integrationslotsen, so Franke, sähe es in Delmenhorst bei der Flüchtlingsunterbringung ganz anders aus.