Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

48. „Neue Musik“ in Delmenhorst „Kunst muss eine Zumutung sein, sonst ist es keine“

Von Marco Julius | 20.10.2017, 09:11 Uhr

Einen außergewöhnlichen Konzertabend von höchster Qualität verspricht der Komponist. Zu Gast ist das junge Ensemble chiffren aus Kiel.

Seit fast einem halben Jahrhundert lädt Hans-Joachim Hespos mittlerweile stets am 11.11. zur „Neuen Musik“ nach Delmenhorst. „Und das in Norddeutschland, das ist geradezu eine Frechheit“, sagt Hespos und freut sich diebisch. Leicht gemacht hat Hespos es dem Publikum nie. Warum auch? Mainstream wollte der Komponist von internationalem Rang nicht sein. „Die Elbphilharmonie, dieser ganze Quatsch, der sich da ständig wiederholt, das braucht kein Mensch.“

Zuhörer werden gefordert

Hespos will seine Zuhörer bewusst herausfordern. Sie sollen runter vom Konsumenten-Sofa, ihre „Birne einschalten“. „Kunst muss eine Zumutung sein, sonst ist es keine“, sagt der 79-Jährige, der in Ganderkesee lebt. Kaputt machen, das sei ein wahrhaft schöpferischer Prozess.

Wer zur „Neuen Musik“ am 11.11. kommt, der muss sich darauf einlassen. Empörte Reaktionen, die kennt Hespos schon. Und auch die bereiten ihm Freude. Unterhaltung – immer ohne Ecken und Kanten – ist ihm ein Gräuel. Herrlich schimpfen kann er auf die Volksmusiksendungen im Fernsehen, auf die öffentlich-rechtlichen Radiosender, die sich nur noch am Markt orientieren und der Neuen Musik keinen Raum mehr bieten.

Für die 48. Ausgabe seiner „Neuen Musik“ im Kleinen Haus holt Hespos das Ensemble chiffren aus Kiel nach Delmenhorst. Er, der so wortreich granteln kann, schwärmt von den jungen Musikern, echte Multiinstrumentalisten, die unter der Leitung von Johannes Harneit und begleitet von Julia Spaeth (Sopran), die Frische und Offenheit mitbrächten, die es brauche.

Publikum aufwecken

Zu hören gibt es am 11.11. zunächst „Stillleben mit Cello und Elektronik“ von Mattia Bonafini (geboren 1980) sowie das Requiem „Quatre chants pour franchir le seuil“ von Gérard Grisey (1946-1998). „Der erste Teil des Abends ist eher ruhig“, kündigt Hespos an, „dann werden wir das Publikum wieder aufwecken“. Mit „CON-fetti“, von Hespos selbst für „Sopran, junge Störlichttechnikerin, mobilen Coachdirigenten und 20-köpfiges Ensemble“ komponiert, ist chiffren bereits aufgetreten. „Dem Ensemble, das jährlich neu aus jungen Musiker zusammengestellt wurde, wird leider der Geldhahn zugedreht, das Projekt eingestellt“, bedauert Hespos, „ein weiteres Zeichen für den Untergang dieses Landes“. Diesem Untergang, gerade in der Kulturlandschaft, will sich Hespos weiter leidenschaftlich entgegenstemmen. Die folgenden der „Neuen Musik“ sind bereits vorbereitet. „Wer qualitativ gute Musiker will, muss sie früh buchen“, weiß er. Die 50. „Frechheit“ für das Jahr 2019 steht also.