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Älteste Ehrenamtliche mit 85 Die gute Seele der Delmenhorster Tafel

Von Merlin Hinkelmann | 16.12.2016, 09:53 Uhr

Seit sechs Jahren stemmt Gerda Timmermann Kisten und sortiert Brot. Setzt sich ein, damit andere Menschen etwas zu Essen auf dem Tisch haben. Ihr Ehrenamt bei der Tafel bedeutet der 85-Jährigen alles.

2010, da kam die Leere. Gerda Timmermann erinnert sich noch gut. Es war das Jahr, in dem ihr Mann starb und es mit einem Mal gespenstisch ruhig im Haus war. Immer hatte sie zu viel zu tun, war ausgelastet, ja fühlte sich zuweilen ausgebrannt. Doch damit war Schluss. Plötzlich hatte die Rentnerin etwas, das sie vorher nicht kannte: Zeit. Sie fiel in ein Loch.

Älteste Ehrenamtliche im Tafel-Team

Sechs Jahre später. Es ist Dienstag, 11 Uhr. Vor der Tafel an der Grünen Straße steht eine lange Schlange. Die Menschen warten, tragen Plastiktüten, manche schieben einen Trolley hinter sich her. Angeregtes Getuschel, jeder kennt sich. Ein normaler Ausgabetag. Gerda Timmermann steht unterdessen hinten im Lager, zwischen eingeschweistem Gemüse, Brotlaiben und unzähligen grünen Kisten. Seit sechs Jahren arbeitet sie nun bei der Delmenhorster Tafel, ist mit 85 Jahren die älteste Ehrenamtliche. Sie hat inzwischen etwas gefunden, um die Leere in ihrem Alltag zu füllen. Die quirlige Rentnerin packt seit 9 Uhr säckeweise Brote aus, entsorgt schlechte Exemplare und legt gute in die Kisten. „Hier muss alles seine Ordnung haben“, sagt sie. Für einen Moment lässt sie von dieser „Ordnung“ ab, setzt sich für ein Päuschen an den Tisch und beginnt zu erzählen.

Mit 79 Jahren angefangen

„Ich wollte schon immer ehrenamtlich arbeiten, hatte aber nie die Zeit dazu“, sagt die Frau mit dem bunt bestickten Wollpullover und den goldenen Ohrringen. Als sie mit 79 Jahren zur Tafel kam, hatte sie kurz Zweifel. „In dem Alter glaubte ich nichts mehr zu finden.“ Doch sie fand. Walburga Bähre, Vorsitzende der Tafel, weiß, was sie an ihrer Mitarbeiterin hat: „Auf Gerda können wir uns immer verlassen. Wenn Not am Mann ist, ist sie da. Gestern hat sie sogar eine Extraschicht geschoben.“ Gerda Timmermann fing damals in der Brotabteilung an. Und blieb. „Ich hatte eine tolle Lehrmeisterin“, sagt die Delmenhorsterin und ruft „Luidmyla, wo bist du?“. Keine zwei Sekunden später kommt Luidmyla Sechyna um die Ecke. Gerda Timmermann springt auf und legt den Arm um sie. „Luidmyla hat mir die wichtigste Regel beigebracht“, sagt sie grinsend. „Gib immer nur das aus, was du selbst auch essen würdest.“ Diesen Satz sagt sie immer und immer wieder, er ist zum ungeschriebenen Gesetz ihrer Arbeit avanciert.

„Es gibt immer was zu tun“

Nicht viele Ehrenamtliche bleiben so lange dabei wie Gerda Timmermann. „Viele kommen mit falschen Vorstellungen hierher und sind nach wenigen Wochen wieder weg“, erzählt sie. Mit den Jahren sei die Arbeit mehr und mehr gewachsen. „Es gibt immer was zu tun.“ Deshalb ist Gerda Timmermann froh, dass die Tafel im Februar die neuen Räumlichkeiten an der Grünen Straße bezogen hat. „Früher an der Elbinger Straße war alles zu klein und wir hatten kein Kühlhaus. Jetzt ist es viel besser“, findet sie und lässt ihren freundlich-aufgeweckten Blick im Raum umherschweifen. Trotzdem wünscht sie sich manchmal mehr Dankbarkeit von den Kunden, die die Tafel aufsuchen. „Da muss man sehr feinfühlig sein, einige tun so, als sei unsere Arbeit eine Selbstverständlichkeit.“

Viel Sport und Gartenarbeit in der Freizeit

Anderen Menschen helfen, das stand schon immer im Zentrum ihres Lebens. Das merkt man sofort, wenn man Gerda Timmermanns Worten lauscht. 25 Jahre lang hat sie ihre Schwiegereltern gepflegt, später auch ihren Mann. „Ich habe praktisch zwei Haushalte geschmissen. Und bevor es ins Büro ging, habe ich frühmorgens noch drei Kühe gemolken.“ Ganz nebenbei kümmerte sie sich um ihre Tochter. Die ist jetzt 60. Stillstehen, Pause machen: Keine Option für Gerda Timmermann. Jede Woche treibt sie Sport, ist im DTV aktiv, schneidet die Blumen in ihrem Garten, fährt Auto, Fahrrad, ein volles Programm also. „Andere lassen sich im Alter gehen, das kommt für mich einfach nicht in Frage“, sagt sie.

Will noch lange nicht aufhören

Vor drei Wochen, auf der Weihnachtsfeier der Tafel, wurde Gerda Timmermann für ihre Verdienste ausgezeichnet. Sie bekam eine Urkunde, Blumen – und Likör. „Den habe ich schon probiert“, gesteht sie und ein Lächeln legt sich über ihr Gesicht. So lange sie kann, will sie bei der Tafel helfen. „Ich mache weiter. Bin doch noch topfit.“ Mit diesen Worten verschwindet sie leicht gebückt wieder zwischen den gestapelten Lebensmittelkisten. Sie muss zurück zum Brot.