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Aktionswoche der Wohnungslosenhilfe Walter wohnt jetzt wieder – in Delmenhorst

Von Thomas Breuer | 22.11.2015, 18:48 Uhr

Wer auf der Straße lebt, ist in der sozialen Hierarchie unten angelangt. Wie es den Menschen geht und welche Auswege es gibt, zeigen Sozialarbeiter jetzt öffentlich auf.

Es war geordnet, das Dasein von Walter. Wenn der 61-Jährige aus seinem ersten Leben in Westfalen erzählt, kommen Ausbildung und Beruf darin vor, eine Zeit bei der Bundeswehr und seine Ehe. Dann, ja, dann kam die Scheidung, und seine Frau, sagt Walter, wollte einfach zu viel von ihm. Mit 29 Jahren gab er seine bürgerliche Existenz auf, ging auf die Straße. Zwei Jahrzehnte sollte er dort bleiben.

Einblick in Lebenswirklichkeit bekommen

Walter ist einer der Menschen, um die sich die andauernde Aktionswoche der Wohnungslosenhilfe im Nordwesten dreht. Die Zielsetzung ist klar definiert: Möglichst breite Kreise, auch solche von Entscheidern, sollen für die schwierige Situation der Wohnungslosen sensibilisiert werden, von deren Nöten erfahren und einen Einblick in die Lebenswirklichkeit der Betroffenen bekommen.

Etliche junge Menschen in Delmenhorst betroffen

Wie die aussieht, davon berichteten Katrin Radtke vom Tagesaufenthalt für Wohnungslose an der Willmsstraße 6 sowie Ina Schulz und Anja Ammari von der Ambulanten Wohnungslosenhilfe am Samstag an einem Aktionsstand in der Innenstadt. Ein Phänomen ist nach ihren Worten, dass es inzwischen auch in Delmenhorst etliche junge Menschen gibt, die keinen festen Wohnsitz haben, sich von Freunden zu Verwandten und wieder zu Freunden durchschlagen.

Für Behörden erreichbar bleiben

Festmachen können sie das an einer Kooperation mit dem Job-Center, über die auch Wohnungslosen eine postalische Erreichbarkeit ermöglicht wird. Im konkreten Fall können sie den Tagesaufenthalt als Adresse angeben, um etwa für Behörden und Krankenkassen erreichbar zu bleiben. Von im laufenden bereits 115 wohnungslosen Menschen, die dieses Angebot in Delmenhorst nutzen, sind laut Katrin Radtke 42 erst zwischen 18 und 25 Jahren alt.

Strukturen mitunter nie kennengelernt

Durchaus ein Problem. Denn viele dieser jungen Menschen, das wissen die Soziarbeiterinnen, haben nie Strukturen kennengelernt, wie sie Walter immerhin aus seinem ersten Lebensabschnitt kennt. Ihm haben diese Erfahrungen zumindest ein Stück weit geholfen, nach zwanzig Jahren auf der Straße wieder sesshaft zu werden, als auch die Knochen sich langsam bemerkbar machten.

Etwa ein Jahrzehnt ist das her – und es war kein leichtes Umgewöhnen. Zwar konnte ihm von amts wegen eine Bleibe gestellt werden, doch: „Im ersten halben Jahr bin ich jedes Wochenende wieder mit dem Hund los.“ Ein Dach über dem Kopf, jeden Abend eine feste Anlaufstelle, das war nach zwanzig Jahren ein Schritt, den Walter nur langsam gehen konnte.

In Schulz kennt das: „Manche, die von der Straße kommen, lassen in der ersten Zeit immer die Fenster offen oder schlafen auf dem Fußboden.“

Für Frauen ist es vor Ort schwierig

Wer als Wohnungsloser durch Delmenhorst kommt, kann auf Gut Dauelsberg übernachten. Sofern die Person ein Mann ist. Für Frauen gibt es in Delmenhorst keine solchen Unterkünfte, im konkreten Fall mieten die Behörden tageweise ein billiges Pensionszimmer an.

Für Wohnungslose vor Ort gibt es sieben Übergangswohnungen, die untervermietet werden. „Da können diejenigen das Wohnen ausprobieren“, sagt Ina Schulz. Sie weiß, dass gerade kleine, bezahlbare Wohnungen Mangeleware und für Wohnungslose auf dem freien Markt kaum zu haben sind.

Walter hat sich an sein neues Leben unter einem festen Dach inzwischen gewöhnt. „Es gibt gute und schlechte Zeiten“, sagt er. Genau wie damals auf der Straße.