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Amtsgericht Delmenhorst Ehemaliger Azubi wegen Tresor-Diebstahl verknackt

Von Marco Julius | 13.10.2015, 17:12 Uhr

Das Jugendschöffengericht hat am Dienstag einen jungen Delmenhorster verknackt, der mit einem Komplizen den Tresor eines Getränkemarktes gestohlen haben soll. Sein vermeintlicher Komplize wurde freigesprochen.

Der letzte Verhandlungstag hat am Dienstag mit einer für ein Strafverfahren eher ungewöhnlichen Aktion begonnen: mit einem Ortstermin am Tatort Getränkemarkt. Ein Ende gefunden hat er mit einem Urteil, dessen Ausgang bis zuletzt nicht in vollem Umfang abzusehen war. Zur Erinnerung; Zwei junge Delmenhorster mussten sich vor dem Jugendschöffengericht verantworten. Ihnen wurde vorgeworfen, gemeinsam im Februar 2015 nachts den Innentresor eines Getränkemarktes an der Schanzenstraße gestohlen zu haben , in dem einer der beiden Anfang 20-Jährigen damals als Auszubildender tätig war. Knapp 14.000 Euro waren dabei erbeutet worden.

Verteidigung kann Rechtsmittel einlegen

Das Gericht sah es am Ende des Tages als erwiesen an, dass der damalige Auszubildende den „Blitzeinbruch“ begangen hat. Für den vermeintlichen Komplizen konnte das Gericht zwar Indizien aufführen, für eine Verurteilung reichte dies nicht, der junge Mann wurde in diesem Punkt freigesprochen. Das hatte auch die Staatsanwaltschaft ganz ähnlich formuliert. Der ehemalige Auszubildende, ein Delmenhorster mit polnischen Wurzeln, erhielt wegen schweren Diebstahls aber nach Jugendstrafrecht eine Haftstrafe, die auf zwei Jahre zu Bewährung ausgesetzt wird. Ihm wird ein Bewährungshelfer zugeteilt, der, wenn der junge Mann will, auch die psychischen Probleme des Verurteilten in Angriff nehmen soll. Die Verteidigung hat eine Woche Zeit, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.

Bargeld wird Angeklagtem zum Verhängnis.

Dem ehemaligen Auszubildenden des Getränkemarkts wurde vor allem zum Verhängnis, dass man bei ihm wenige Tage nach der Tat über 5000 Euro in bar gefunden hatte. Und dass bei einem jungen Mann ohne großes Einkommen, der spielsüchtig sein soll und zudem regelmäßig bei der Schuldnerberatung aufschlug. Für das Bargeld habe der Beschuldigte, so der Richter, keine plausible Erklärung liefern können, es müsse aus dem Diebstahl stammen. Das Geld sei ein harter Beweis. Zudem müsse der Täter nicht nur über den Tresorschlüssel verfügt haben, sondern auch über genügend Ortskenntnis. Schlüssel für den Tresor hatten zum Tatzeitpunkt neben dem Auszubildenden noch drei weitere Mitarbeiter. Darauf hatte auch die Verteidigung abgehoben, die von einem klassischen Indizienprozess sprach und keine Beweise gegen die jeweiligen Mandanten vorliegen sah.

Die drei Verhandlungstage haben nicht nur zutage gefördert, dass beim Thema Sicherheit im betroffenen Getränkemarkt zum Tatzeitpunkt nicht alles im grünen Bereich war, sondern auch, dass die beiden jungen Delmenhorster schon bisher nicht unbedingt auf der Sonnenseite des Lebens standen.

Schwierige familiäre Verhältnisse

Der ehemalige Auszubildende des Getränkemarkts, dessen Familie 2003 aus Polen nach Delmenhorst kam, hat seinen Vater durch Selbstmord verloren, als er sechs war. Das Verhältnis zur Mutter war schwierig. Von der Hauptschule wechselte er zur BBS II, von dort doch zurück zur Hauptschule. Er machte dann noch seinen Realschulabschluss, begann im Nebenjob im Getränkemarkt, wo er zum 1. August 2013 eine Ausbildung zum Verkäufer im Einzelhandel begann, nach dem Einbruch aber gehen musste. Wegen psychischer Probleme war er zwischenzeitlich in Behandlung, eine Beratung bei der drob brach er ab. Mit dem Gesetz kam er ein paar Mal in Konflikt, auch sein Umgang war nicht immer der Beste.

Eltern trennen sich früh

Auch sein Freund, 1994 in Kasachstan geboren, lebte in schwierigen familiären Verhältnissen. Die Eltern trennten sich 2001, die Mutter ging mit ihrem Sohn 2003 nach Delmenhorst, der Vater blieb in Kasachstan. Eine Zeit lang lebte er in der stationären Jugendhilfe, weil ein Zusammenleben mit der Mutter nicht möglich war. In der Realschule überfordert, machte er an der Hauptschule Süd 2011 seinen Abschluss. Eine Ausbildung brach er ab, schlug sich mit Jobs durch. Mittlerweile ist er fest angestellt.