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Lesung in Delmenhorst Andrea Röpke spricht in der Stadtkirche über völkische Landnahme

Von Niklas Golitschek | 02.10.2019, 17:30 Uhr

In ländlichen Gegenden wie der Lüneburger Heide seien nationalistische und völkische Aktivitäten besonders sichtbar, sagt die Journalistin Andrea Röpke. In der Stadtkirche Delmenhorst informierte sie über die völkische Landnahme.

Es klingt wie eine andere Welt, von der Andrea Röpke berichtet. Die Journalistin beschäftigt sich intensiv mit Rechtsextremismus in Norddeutschland – und offenbart regelmäßig erschreckende Einblicke in die Szene. Von ihren Erfahrungen und Einschätzungen der Situation in der Region erzählte sie am Dienstagabend in der Stadtkirche in Delmenhorst. Dabei las sie vor rund 50 Besuchern aus dem Buch „Völkische Landnahme: Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos“, das sie mit ihrem Kollegen Andreas Speit veröffentlicht hat. Speit war erst im Juni zu Gast in der Turbinenhalle gewesen.

Hatte Speit damals vor allem die Methoden und der Online-Strategie der sogenannten „Identitären Bewegung“ (IB) analysiert, konzentrierte sich Andrea Röpke auf die Aktivitäten der Rechten im ländlichen Raum, vor allem der Lüneburger Heide. Denn, das machte sie auch deutlich, das Thema lässt sich in Gänze kaum in einem anderthalbstündigen Vortrag behandeln. „Es ist eine unglaublich heterogene Szene“, umriss sie, die Entwicklungen seien oft schwer zu überblicken.

Offensichtliche Verbindungen

Durch die Recherchen unter anderem von Röpke und Speit lassen sich jedoch inzwischen Verbindungen etwa zwischen AfD-Politikern, Pegida-Aktivisten und jenen der Gruppierung „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa) oder eben der IB ziehen. „Sie propagieren nicht den ‚Volkstod‘ sondern den ‚großen Austausch‘“, führte Röpke aus. In dieser völkisch-nationalistischen Ideologie werde auch nicht mehr von Rasse und Brauchtum, sondern von Ethnie und Kulturaktivität gesprochen. Gleichzeitig kämen Begriffe wie Volkskörper und Volksschutz zurück ins Vokabular.

Als eine der Hochburgen rechtsextremer Aktivitäten habe sich dabei seit Jahrzehnten die Lüneburger Heide etabliert. „Auch dort wird viel gemacht gegen Rechts“, betonte Röpke, doch hätten die Demokratiefeinde dort teils erfolgreich Wehrdörfer – oder neudeutsch: Kulturräume – für sich erobert. Dort seien Familien bereits in zweiter und dritter Generation aktiv, die sich selbst als „Sippe“ bezeichneten: „Die Politisierung beginnt mit der Geburt.“ Etwa mit germanischen und nordischen Vornamen. Auffällig sei dort auch die rechte Milieubildung mit Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen.

Fragwürdige Aktivitäten

Unter anderem mit dem Unternehmer Jürgen Lindhorst aus Winsen an der Aller hatte Röpke einen konkreten Fall mindestens fragwürdiger Aktivitäten parat. Der hat an seiner Einfahrt, die an der Straße zur Gedenkstätte Bergen-Belsen, einen Findling mit der Wolfsangel-Rune aufgestellt, die auch Hitlerjugend und SS nutzten. Lindhorst hat auch Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag sowie Vorsitzender der AfD-Rechtsaußengruppierung „Flügel“, eingeladen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da es sich um ein Privattreffen gehandelt habe. Lindhorst selbst leugnet Verbindungen zum Rechtsextremismus. Doch auch in der direkten Umgebung gebe es mit einem Vorstandsmitglied des völkischen Artamanen-Bundes aus Wildeshausen rechte Strukturen.

Angesichts der inzwischen öffentlich bekannten Aktivitäten von AfD-Funktionären und deren Verbindungen zu rechtsextremen Gruppierungen glaube sie auch nicht, dass die fast sechs Millionen Wähler bei der Bundestagswahl 2017 nicht gewusst hätten, wo sie ihr Kreuz setzten, stellte Röpke eine „steile These“ auf. „Wir wollen das nicht sehen“, sagte sie, mit der Aufklärung sei nicht genug erreicht worden. Deswegen sei es wichtig, sich zu vernetzen, Toleranz und Demokratie vorzuleben und für die Werte einer offenen Gesellschaft einzustehen. „Die Frage ist: Wie viel Rassismus lassen wir zu?“