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Anonyme Alkoholiker Betroffene erzählen in Delmenhorst über das Leben mit dem Alkohol

Von Frederik Grabbe | 19.10.2018, 10:11 Uhr

Wie ist es, als Alkoholsüchtiger zu leben? Und wie fühlt sich ein Angehöriger mit der Krankheit? Am 28. Oktober erzählen direkt von Alkoholsucht Betroffene aus Delmenhorst über ihren Umgang mit der Krankheit. Dann feiern die Anonymen Alkoholiker ihr 45-jähriges Bestehen. Mit den eigenen Geschichten wollen sie Wege auf die Sucht aufzeigen.

Das Thema Sucht ist oft mit Scham besetzt. Wer gesteht schon gerne die eigene Schwäche oder die eines Angehörigen? Dabei sind es Betroffene und ihre Familien, die die Sucht am besten kennen. Und genau sie sollen am Sonntag, 28. Oktober, zu Wort kommen: Die Anonymen Alkoholiker feiern an dem Tag zwischen 14 und 17 Uhr im Haus Adelheide öffentlich ihr 45-jähriges Bestehen in Delmenhorst. Mit überaus privaten Einblicken wollen Angehörige wie Süchtige einen Weg aus den Alkoholismus aufzeigen.

„Mit 12 den ersten Vollrausch“

Wie etwa Kai (alle Namen geändert). „Mit 12 hatte ich meinen ersten Vollrausch“, erinnert sich der Delmenhorster, der selbst aus einer „vorbelasteten Familie“ stammt, wie er sagt. „Eigentlich habe ich als Kind Alkohol verabscheut, weil ich gesehen habe, was er mit meinem Vater macht. Wenn er nüchtern war, habe ich ihn geliebt. Wenn er gesoffen hatte, habe ich ihn gehasst.“ Das hat Kai trotzdem nicht vom Alkohol abgehalten.

Mit 18 hatte er das Trinken nicht mehr im Griff. Hinzu kam: „Drogi war cooler als Alki.“ Soll heißen: Harte Drogen wie Heroin und Kokain nahm Kai ebenso, vielleicht, gerade weil er den Alkohol so verachtete. Mehrere Drogentherapien schlugen fehl. Der Alkohol wurde immer stärker zur Ersatzdroge. „Erst mit Anfang 30 wurde mir klar, dass ich ein Alkoholproblem habe.“

Alkoholismus ist heftiger Einschlag auch für Familien

Es sind solche Fälle, die verdeutlichen, welch‘ heftigen Einschlag Alkoholismus als gesellschaftlich weitestgehend akzeptierte Droge haben kann. Auch für die Familie. „Alkoholismus ist eine Familienkrankheit, sie betrifft alle“, sagt Dieter, selbst seit mittlerweile 23 Jahren trockener Alkoholiker. Im schlimmsten Falle könne die Sucht bei Angehörigen zu psychischen Krankheiten führen.

Dieters Frau hingegen hat sich als seine Retterin erwiesen: Weil er dermaßen viel trank, drängte sie ihn eines Tages, zum Treffen der Anonymen Alkoholiker zu gehen. Dieter machte mit, besuchte die Gruppe häufig, hielt sich aber nicht für suchtkrank. Sein Problembewusstsein erst kam ganz langsam. Letztendlich machte er eine Entgiftung und eine Therapie – mit Unterstützung seiner Frau. „Ohne sie läg‘ ich jetzt unter der Erde“, ist er sich sicher.

Sicherheit für Süchtige

Kai, Dieter und andere Mitstreiter haben es gemein, bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker einen Ort zu finden, an dem sie frei über ihre Sucht sprechen können und so zu erkennen, wie sie selbst Verantwortung für sich übernehmen.

Dort werden – auch für Angehörige – Werkzeuge mit an die Hand gegeben, mit der Sucht umzugehen. Und letztlich versichern sie dem Süchtigen, dass er nicht alleine ist. Kai: „Im Notfall kann ich Menschen aus der Gruppe anrufen. Das gibt einen unglaublich viel Sicherheit.“