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Arbeitsmigration nach Delmenhorst Unvertraute Namen bereiteten Meldebeamten Kopfzerbrechen

Von Franz-Reinhard Ruppert | 09.02.2019, 10:24 Uhr

Lange Namen mit nur wenigen Vokalen: Da konnte es ab 1887 bei der Eintragung von Arbeitsmigranten aus der Provinz Posern ins Melderegister schon mal zu Fehlern kommen.

Dem Schreiber des Melderegisters der Stadt Delmenhorst dürfte sich am 24. August 1891 die Schreibfeder gesperrt haben, als er den Namen des Herkunftsortes der 22-jährigen Pauline Enders eintragen musste, mühsam schrieb er „Sklazkaprzpgodzka“ schrieb. Man kann es ihm mitfühlend nachsehen, dass dieser Eintrag nicht korrekt gelang und sich nicht nur die Konsonanten selbstständig machten, sondern dass auch aus zwei Wörtern ein zusammenhängendes Wort gemacht wurde. Tatsächlich hieß der im Kreis Adelnau in der Provinz Posen gelegene Ort Szklarka-Przygodzicka.

Ungewohnt für norddeutsche Ohren

Die Meldebeamten wurden seit 1887 mit den fremden Konsonantenfolgen in Familien- und Ortsnamen konfrontiert, es waren Zuwanderer aus der preußischen Provinz Posen, die diese für norddeutsche Ohren ungewohnten Namen nach Delmenhorst brachten. Ziel der Arbeitswanderer, die überwiegend aus dem Kreis Adelnau kamen, war die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (NW&K).

Zwei falsche Schreibweisen für eine Stadt

Gleich im Januar 1887 melden sich zum Beispiel vier junge Frauen mit dem Familiennamen Kolata, 16 bis 19 Jahre alt, aus Garki im Kreis Adelnau kommend, in Delmenhorst an, um in der Wollwäscherei zu arbeiten. Obwohl sich die Meldebeamten im Laufe der Jahre an die polnischen Namen gewöhnen konnten, stellten diese aber auch nach Jahren noch Hürden für die Rechtschreibung dar. Im November 1900 finden sich kurz nacheinander am 27. und 28. November 1900 zwei verschiedene Schreibweisen „Nabycyce“ und „Nabysczy“ für den Ort Nabyszyce im Kreis Adelnau auf einer Seite des Melderegisters.

Zuwanderer waren Inländer

Die Namen der nach Delmenhorst zuwandernden Arbeitssuchenden und die Namen ihrer Heimatorte zeichneten die Bevölkerungszusammensetzung in der Provinz Posen aus polnischsprachigen und deutschsprachigen Einwohnern nach. Für etwa 60 Prozent der Bevölkerung war die Muttersprache Polnisch, etwa 40 Prozent der Einwohner sprachen Deutsch als Muttersprache. Alle hatten die preußische Staatsangehörigkeit und waren Inländer.

Ortsname gelang fast fehlerfrei

Es werden im Melderegister Zuwanderer eingetragen mit deutschen Namen aus Orten mit polnischen Namen wie zum Beispiel in den Jahren 1890 der 16-jährige Johann Waldek aus Garki und 1898 der 26-jährige Friedrich Sattler aus Szklarka Przygodzicka, wobei in diesem Fall der Ortsname mit „Sklarkaprzygodzka“ schon fast fehlerfrei gelang. Polnische Familiennamen aus Orten mit deutschen Namen brachten beispielsweise Zuwanderer wie die 22-jährige Rosalie Kawaleck aus Schwarzwald, Johann und Thomas Koryciak, 16 und 14 Jahre alt, aus Swieca und der 18-jährige Andreas Matysiak aus Nabyszyce – allesamt Kreis Adelnau – mit, alle aus dem Jahre 1891.

Anfangs fremde Namen gehören längst dazu

Eine besondere Herausforderung für den Meldebeamten waren polnische Familiennamen aus Orten mit ebenfalls polnischen Namen, wie zum Beispiel 1889 der 31-jährige Albert Szymzak aus Kaczagorka im Kreis Krotoschin und 1891 der 22-jährige Andreas Grzebelsky aus Przytocznice, Kreis Ostrowo.

Die damals in Delmenhorst fremd klingenden Namen gehören längst fest zu Delmenhorst.