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Auf Lügen aufgebaut Bayerische Familiensaga „Eisenstein“ im Kleinen Haus

Von Thomas Deeken | 18.03.2015, 17:16 Uhr

Ein fesselnder und spannender Theaterabend wurde dem Publikum am Dienstag in Delmenhorst geboten. Zu sehen war die düstere Familiengeschichte „Eisenstein“.

Lügen und Schuldzuweisungen, Verrat und Betrug, Unfalltod und Trennung, familiäre Konflikte und unerfüllte Liebe – Christoph Nußbaumeder hat in seiner düsteren bayerischen Familiensaga „Eisenstein“, die am Dienstagabend in einer Inszenierung des Stadttheaters Regensburg im Kleinen Haus in Delmenhorst zu sehen war, nichts ausgelassen, um eine ganz tragische Familiengeschichte aus der Zeit zwischen April 1945 und November 2008 zu erzählen. Knapp drei Stunden lang tauchte der Zuschauer in die Welt der Schatzschneiders und Hufnagels ein, um mitzuleiden und mitzuerleben, was passieren kann, wenn der Mut fehlt, die Wahrheit zu sagen. Ein fesselnder und bis zum Schluss spannender Theaterabend dank einer erstklassigen Ensembleleistung einschließlich Regie und Ausstattung.

Die Saga beginnt mit der Flucht von Erna Schatzschneider vor den Russen. Die junge schwangere Frau erreicht den Hof der Familie Hufnagel in Eisenstein im Bayerischen Wald und beginnt ein Verhältnis mit dem Gutsherrn Josef. Ihr Ziel: Sie will ihm das Kind unterschieben, um in Eisenstein bleiben zu können. Mit dieser durchaus verständlichen Lüge in der damaligen schwierigen Zeit setzt die gesamte Tragik ein. Josef kümmert sich um Kind Georg, Erna muss aber Josefs Bruder Vinzenz heiraten, um nach außen hin den Schein zu wahren. Die weiteren Etappen: Georg verliebt sich in Gerlinde, Tochter von Josef, soll sie aber nicht heiraten, weil sie angeblich Geschwister sind. Die schwangere Gerlinde verzweifelt und flieht. Die Geschichte verdunkelt sich immer mehr. Georg, inzwischen Großunternehmer, heiratet Gerlindes jüngere Schwester. Gerlinde selbst gibt einem Mann aus dem Ruhrpott das Ja-Wort. Es folgen Streitigkeiten und Scheidungen, weil die Wahrheiten schließlich doch auf den Tisch kommen. Am Ende stirbt Gerlinde, viel zu früh und verarmt.

Für die ohnehin düstere Familiengeschichte hat Regisseur Jochen Schölch ein ganz dunkles Bühnenbild gewählt, schwarze Vorhänge, keine Requisiten, schräge Holzpodeste als Spielflächen. Die neun Darsteller, alle in dunklen Gewändern, agieren in 15 Rollen, wirken wie Puppen auf ihren Hockern im Bühnenrückraum, wenn sie nicht spielen, und übernehmen mit Stimme, Hand und Fuß unterstützende Geräusche wie schepperndes Geschirr und Türknallen. Sie erzählen klar und verständlich, übertreiben nicht. Dazu bedrückende Musik zwischen den Szenen – und immer wieder Beerdigungen im Regen.

Eingebettet ist die Saga in knapp 65 Jahre Zeitgeschichte. Dabei wurde das Publikum nicht nur an Kriegsende, Zwangsarbeit und Entnazifizierung erinnert, sondern auch an Vietnam, DDR und Sonntagsfahrverbot wegen Ölkrise.

Am Ende gab es viel Applaus für eine rundum gelungene Inszenierung, die mehr Zuschauer verdient hätte. Denn mehr als die Hälfte der Plätze im Kleinen Haus war nicht besetzt.