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Aufarbeitung eines Leidenswegs Delmenhorster Krebspatient sieht massiven Behandlungsfehler an sich

Von Frederik Grabbe | 29.06.2017, 09:36 Uhr

Ein Delmenhorster Patient wirft seinem Hausarzt einen Behandlungsfehler vor. Hätte der Arzt korrekt gehandelt, wäre sein Krebs früher erkannt worden. Den Verdacht stützt er auf eine beachtliche Dokumentation. Nun stehen Patient und Arzt – die früher befreundet waren – vor Gericht.

Horst Schröder (Name geändert) ist müde. Und der Grund für seine Müdigkeit ist exakt 21 Kilogramm schwer. Der Wäschekorb vor Schröder ist voll mit Ordnern, die Schreiben enthalten, die seinen Kampf der vergangenen dreieinhalb Jahre nachzeichnen. Nachdem 2013 seine Prostata entfernt wurde, tut der 72-Jährige alles dafür, um seiner Krebserkrankung nachzuspüren.

Schröder hat Urologen, Gutachter, Untersuchungslabors, Aufsichtsbehörden, Krankenkassen oder Krebsforschungszentren angeschrieben und sie zu seinem Fall um Stellungnahmen gebeten. Ihre Antworten füllen nun den Wäschekorb. Sie sind Ausdruck seiner Beharrlichkeit und seiner Akribie. Schröders Geschichte ist komplex. Sie erzählt von einem mutmaßlichen Ärztefehler, einem Rechtsstreit, einer endlosen Suche – und von einer zerbrochenen Freundschaft.

Schwer Eingriff hätte verhindert angeblich werden können

30. Januar 2013: Horst Schröder wird im Klinikum Oldenburg die Prostata entfernt. Zu dem Zeitpunkt ist der Krebs schon über das Organ hinaus gewachsen. Umliegendes Gewebe muss weggeschnitten werden. Mehrere Bluttransfusionen sind nötig, um Schröder am Leben zu erhalten. Nach der OP wird er radioaktiv bestrahlt. 38 Mal. Schröder verspürt starke Schmerzen. Die Nachwirkungen der Operation sind immens. Der heute 72-Jährige leidet unter Inkontinenz und Impotenz.

All dies hätte verhindert werden können, sagt Schröder.

Denn es ist seine zweite OP an der Prostata. 1999 musste sie wegen einer gutartigen Vergrößerung entkernt werden. Seitdem sind alle zwei bis drei Jahre Nachuntersuchungen bei seinem Hausarzt, den Schröder namentlich nicht nennen will, die Regel – und dieser hätte viel eher bei seinem Patienten den Krebs erkennen müssen, meint Schröder. Denn schon 2008 zeigte sich bei ihm ein erhöhter sogenannte PSA-Wert im Blut, der auf Prostata-Krebs hinweisen kann.

Bloß: „Die Werte waren schon damals erhöht. Doch davon hat mir mein Arzt nichts erzählt. Davon habe ich erst erfahren, als ich später meine Patientenakte angefordert habe. Eine übliche, unmittelbare Nachkontrolle des PSA-Werts hat mein Arzt mir auch nicht angeraten“, sagt Schröder. Seinen Aufzeichnungen nach waren bei weiteren Untersuchungen im August 2011 und April 2012 die diese Werte jeweils erneut deutlich erhöht.

Doch eine Biopsie, wie bei schweren Verdachtsfällen üblich, empfahl der Arzt hiernach nicht. Stattdessen bot er Schröder seit 2011 einen neuen Blut-Test an, den sogenannten TKTL-1-Test. Und der war jedes Mal negativ. Bis zum dritten Test Anfang November 2012. Vier Wochen später bestätigte das Ergebnis einer Biopsie: Schröder hat Prostatakrebs.

(Weiterlesen: Bluttests zur Krebsfrüherkennung werden noch erforscht)

Schlichtungsstelle in Hannover eingeschaltet

„Der Arzt hat fahrlässig gehandelt“, sagt Schröder darum. Denn einen zwischenzeitlichen Biopsie-Termin beim Urologen habe sein Hausarzt ihm ausgeredet. „Ich habe ihm vertraut. Darum habe ich die Biopsie nicht wahrgenommen.“

Gutachten stützt Vorwürfe

Seinen Fall trug Schröder zur Norddeutschen Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen in Hannover. Auf 200 Seiten Papier schilderte er seinen Verdacht auf einen Behandlungsfehler. Die Schlichtungsstelle holte im März 2014 zu dem Fall ein Gutachten ein. Im Kern sagt es aus:


  • Dem Patienten nicht früher nachhaltig eine Prostata-Biopsie zu empfehlen, „muss als fahrlässig bezeichnet werden“.
  • Der Verlauf der PSA-Werte lässt vermuten, dass schon früher als diagnostiziert ein Prostatakarzinom vorlag.
  • Die Weiterleitung zum Urologen und der Rat zur Biopsie hätte im August 2011 erfolgen müssen.
  • Arzt und Patient verließen sich auf die vermeintliche Sicherheit eines bislang nicht validierten Zusatz-Tumormarkers, den TKTL1-Test

Schlichtungsstelle folgt Gutachten nicht

Die Schlichtungsstelle folgte hingegen dieser Einschätzung nicht. Das Gutachten enthalte Lücken in der Bewertung, zudem orientiere es sich an Leitlinien der urologischen Fachgesellschaft – und die hätten keine rechtliche Bindungswirkung für den Hausarzt, teilte die Schlichtungsstelle Schröder mit. Zu einer Schlichtung zwischen Patient und Arzt kam es folglich nicht.

Ein weiteres Gutachten des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung Niedersachsen (MDK) allerdings erteilte dem Erstgutachten „aus allgemeinmedizinischer und urologischer Sicht“ volle Bestätigung. Die Schlichtungsstelle habe aus dem Gutachten die „falschen Konsequenzen“ gezogen, schrieb die DAK stellvertretend im Juli 2015.

(Weiterlesen: Reicht bald eine Blutabnahme zur Krebsfrüherkennung?)

„Eigene Ärzte können Gutachten widersprechen“

Auf Nachfrage möchte die Geschäftsführerin der Schlichtungsstelle, Kerstin Kols, wegen der ärztlichen Schweigepflicht nicht auf den Fall eingehen. Generell sagt sie: „Die Schlichtungsstelle greift auf Ärzte zurück, die Koryphäen auf ihren jeweiligen Fachgebieten sind. Das qualifiziert sie auch für eigene Betrachtungen.“ Und wenn die eigenen Experten Mängel in einem Gutachten feststellten, würden sie Gutachtern nötigenfalls auch widersprechen.

Hausarzt wollte Patienten durch Biopsie nicht schaden

Der Hausarzt selbst argumentiert in einer Einwendung zum Erstgutachten, die Schröder vorliegt: Der TKTL-1-Bluttest sei valide, einer Biopsie „hoch überlegen“ – und darum vorzuziehen. Außerdem habe der Arzt sich verpflichtet gefühlt, dem Patienten durch „Blindbiopsien der Prostata“ nicht zu schaden, da diese oft kein Ergebnis brächten und nicht risikofrei seien.

Die Literatur, auf die sich der Gutachter bezieht, bezeichnet der Arzt als veraltet. An anderer Stelle teilt er mit, dass er den Test „mit guten Ergebnissen“ seit vielen Jahren im Rahmen der Tumornachbehandlung eingesetzt hat.

Fachwelt sieht Bluttest kritisch

Doch der TKTL1-Test selbst wird in der Fachwelt kritisch beäugt: So schreibt die Deutsche Krebsgesellschaft in einer Stellungnahme, er sei weder zur Diagnose oder Prognose von Tumorerkrankungen noch als Anhaltspunkt für eine mögliche Therapie geeignet. Auch das Deutsche Krebsforschungszentrum, das Regierungspräsidium Gießen und die Bezirksregierung in Düsseldorf, die Schröder als Überwachungsbehörden für die Labore, die seine Bluttests ausgewertet haben, angeschrieben hatte, teilten ihm mit, dass der TKTL1-Test nicht valide sei und keinen objektiven Nachweis als Vorsorge- oder Früherkennungstest liefere.

In seiner Ruhelosigkeit hat Schröder auch die Alexandra-Lang-Stiftung für Patientenrechte, den Landespatientenschutzbeauftragten des Landes Niedersachsen oder wissenschaftliche Berater angeschrieben. In ihren Stellungnahmen stützen sie alle den Schluss des ersten Gutachtens.

Fall liegt vor Petitionsausschuss

Warum die Schlichtungsstelle dem selbst beauftragten Gutachten nicht folgt, kann Schröder nicht verstehen. Eine Beschwerde Schröders beim Niedersächsischen Gesundheitsministerium blieb erfolglos: Eine inhaltliche Überprüfung der Tätigkeit der Schlichtungsstelle sei nicht vorgesehen, heißt es in einer Antwort knapp. Nun hat er die Beschwerde vor den Petitionsausschuss des Niedersächsischen Landtags gebracht.

Ob und inwiefern eine Fahrlässigkeit des Arztes – und somit ein Schadensersatzanspruch – vorliegt, wird seit Ende 2016 in einem Zivilprozess vor dem Landgericht Oldenburg verhandelt.

Wer hat die Tests bezahlt?

Dabei wird es auch die Frage gehen, wer eigentlich zwei der drei Bluttests bezahlt hat? Denn vor Schröder hat der Arzt den TKTL-1-Test als Kassenleistung bezeichnet. Das zeigt auch ein Schreiben des Arztes an seinen Patienten sowie eine Stellungnahme des Arztes zum Erstgutachten. Erst beim dritten Test, sagt Schröder, habe sein Arzt behauptet, der Patient müsse die Kosten selber tragen, da die Krankenkassen diesen Test nicht mehr bezahlten.

Stutzig geworden, fand Schröder bei seinen Recherchen heraus: Der Test ist gar keine Kassenleistung. Das schrieb die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) an Schröder.

Krankenkasse hat Abrechnungsprüfung eingeleitet

Die Krankenkasse DAK teilt in mehreren Schreiben an Schröder mit, dass es zwar zwei solcher Tests 2011 und 2012 gegeben habe, aber weder mit dem verantwortlichen Labor in Neuss noch mit dem Hausarzt abgerechnet worden seien. Die KVN schreibt, dass eine Abrechnung mit der KV Nordrhein stattfand und hier, teilt das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium mit, sei eine Abrechnungsprüfung eingeleitet worden. Das Ergebnis steht bis heute aus.

Bluttest unwissentlich an Ehefrau durchgeführt

Schröders Vermutung in diesem schwer durchdringbaren Dickicht: Er war als Patient ohne sein Wissen Testperson für einen pharmazeutischen Test. Die Herstellerfirma des TKTL-1-Tests könnte Ärzte angesprochen haben, die wiederum Tests zur Auswertung in ein Labor geschickt haben könnten. Beweisen kann Schröder dies aber nicht, sagt er.

Sein Verdacht sieht er dadurch bestätigt, als dass der Hausarzt 2009 und 2010 ebenfalls an Schröders Frau diesen Test durchführte, nachdem sie 2001 an Krebs erkrankt war – der Test verlief allerdings ohne ihr Wissen. Dies stellte das Paar aber erst fest, nachdem es die Patientenaktie angefordert hatte.

„Es lässt mich nicht los“

Ruhelos hat Schröder Hilfe gesucht, nach jemanden, der seine Sicht der Dinge bestätigt. In seinem Bemühen und in seiner Akribie, seinem Fall bis ins Detail auf die Spur zu kommen, hat ihm seine Familie oft geraten, es doch einfach sein zu lassen, erzählt er. „Aber ich kann die Dinge nicht einfach hinnehmen. Ich weiß genau, dass ich im Recht bin. Es lässt mich nicht los.“ Dieser Antrieb rührt auch daher, dass Schröder jahrelang mit dem Arzt befreundet war. „Angelkumpel“ ist das Wort, dass der 72-Jährige oft benutzt. „Ich habe mich in der Behandlung meines Freundes immer gut aufgehoben gefühlt.“

Die Freundschaft ist nun zerbrochen. Der mutmaßliche Behandlungsfehler und das für Schröder missbrauchte Vertrauen schmerzen ihn. „Das ist fast so schlimm, wie der Krebs selbst.“ Schröder sehnt sich nach einem Ende. Nach einem Ende des Gerichtsprozesses. Nach einem Ende des Hinterherrennens nach Stellungnahmen.

Schröder sehnt sich nach Ruhe. Doch die wird wohl nicht einkehren. Zwei bis acht Jahre, habe der Anwalt des 72-Jährigen gesagt, könne sich die Klage vor Gericht noch hinziehen. Schröder wird vorerst müde bleiben.