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Aufklärung im Jobcenter Delmenhorst: Infotag für gesundheitlich Eingeschränkte

Von Frederik Grabbe | 07.10.2015, 19:18 Uhr

„Esse ich heute etwas, oder kaufe ich doch Medikamente?“ Dieser Satz des Jobcenter Mitarbeiters Holger Neuhaus verdeutlicht, in welchen Situationen sich einige gesundheitlich eingeschränkte Kunden der Einrichtung befinden. Neuhaus war einer der Mitarbeiter, die am Mittwoch im Jobcenter den „Marktplatz für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen“ ausrichteten. Im besten Sinne ging es um Aufklärung.

„Es muss viel bekannter werden, welche Leistungen den Menschen eigentlich zustehen“, sagte Neuhaus im Gespräch mit Klaus-Peter Borgmann. Der Leistungsbezieher ist gehbehindert, unter anderem diskutierten sie über die Unterstützung von Transporten Gehbehinderter. „Stark Gehbehinderte dürfen den öffentlichen Nahverkehr frei nutzen, andere wiederum nicht“, so Neuhaus. Dabei gebe es Förderungen für Menschen mit Einschränkungen – doch die seien nur wenig bekannt. „Ist ein Mensch etwa auf Medikamente angewiesen und weiß nicht, dass ihm Unterstützung zusteht, bezahlt er den Betrag vom Arbeitslosengeld oder verschuldet sich womöglich“, so Borgmann.

Psychische Leiden nehmen zu

Leistungen der Krankenkassen waren darum Thema im Jobcenter. Ebenso wie gesunde Ernährung mit nur wenig Geld, geförderte Sportangebote oder Tipps für Bewerbungen. 121 Schwerbehinderte führt das Jobcenter, 3,5 Prozent aller Leistungsbezieher sind schwerbehindert, so die stellvertretende Jobcenter-Leiterin Marion Denkmann. In den vergangenen Jahren habe gerade der Anteil derer zugenommen, die unter psychischen Leiden wie Depressionen litten. Weit verbreitet seien körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen, manchmal stelle auch eine Sucht ein Vermittlungshemmnis dar. „Wir nehmen an, dass jeder Dritte eine Einschränkung hat, aber diese oft verschweigt, zum Beispiel aus Angst, keine Arbeit zu finden“, sagte Denkmann.

Hintergedanke des Marktplatzes sei, das Kunden Erfahrungen untereinander austauschen können oder positive Impulse für die Arbeitssuche mit nach Hause nehmen könnten. „Nach Jahren der Arbeitslosigkeit ist oft das Selbstwertgefühl gesunken. Es geht auch darum, mit möglichen Schwächen zum Beispiel im Bewerbungsgespräch besser umzugehen.“

Mehr Dankbarkeit, weniger Krankentage

Die Vermittlung von gesundheitlich Eingeschränkten sei nicht leicht, dies läge laut Jobcenter-Chef Frank Münkewarf auch daran, dass Arbeitgeber über mögliche Förderungen - in einigen Fällen übernehme das Jobcenter bis zu 100 Prozent der Kosten im ersten Jahr - nicht informiert seien. Ansonsten seien ein höherer Kündigungsschutz oder Urlaubsanspruch für Behinderte ab 50 Prozent oder Schwerbehinderte eher ein Argument gegen die Einstellung. Dabei seien Arbeitnehmer mit Einschränkungen oft dankbarer gegenüber Arbeitgebern und hätten weniger Krankentage, ergänzte Denkmann.

Ist ein Bezieher über sechs Monate nicht leistungsfähig, erhält er statt Arbeitslosengeld Sozialhilfe - oder kann Rente beantragen. Auch aus diesem Grund war ein Berater der Deutschen Rentenversicherung zugegen.In erster Linie will das Jobcenter aber Grundlagen schaffen, wieder in Arbeit zu kommen. „Aber dazu muss man fit genug sein. Aufklärung ist darum ein Schritt vor dem ersten Schritt.“