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Ausschwitz-Überlebende berichtet Delmenhorster IGS veranstaltet Projekt gegen das Vergessen

Von Marco Julius | 01.12.2018, 10:26 Uhr

Mithilfe eines ganz besonderen Projekts setzt sich die IGS Delmenhorst mit den Verbrechen der Nazizeit auseinander. Zu Wort kommt dabei auch eine Ausschwitz-Überlebende.

40 Prozent aller befragten Deutschen im Alter von 18 bis 34 Jahren können laut einer aktuellen Studie mit dem Holocaust wenig bis gar nichts anfangen. Ein fatales Ergebnis. Nicht nur für Reinhold Bömer. „Es findet ein Vergessen statt“, sagte der Leiter des Vereins der Niedersächsischen Bildungsinitiativen in der Aula der Integrierten Gesamtschule (IGS). „Nicht nur deshalb sind solche Projekte wie diese aktueller denn je.“

Unter dem Motto „Keine Zukunft ohne Erinnern – Erinnern für die Zukunft“ hat die IGS gestern seinen Elftklässlern eine sehr berührende Auseinandersetzung mit den Schrecken des Nationalsozialismus´ ermöglicht und die Jungen und Mädchen gleichermaßen emotional wie künstlerisch mit den unmenschlichen Zuständen während dieser Zeit vertraut gemacht. Als Vermittler zwischen den unterschiedlichen Epochen – von der dunklen deutschen Vergangenheit in die Gegenwart – fungierten dabei die Projektgruppe „Circus im Nationalismus“, der Musiker Kutlu Yurtseven – und die Ausschwitz-Überlebende Esther Bejerano.

Bevor die 92-jährige Musikerin am Abend gemeinsam mit Kutlu Yurtseven auf der Bühne stand und Rapsongs und Partisanenlieder sang, tauchte die Gruppe „Circus im Nationalismus“ am Morgen in das Leben und Leiden der Artistin Irene Bento ein.

Willkür der Nazis

Bento war zehn Jahre alt, als die Nazis 1933 die Macht ergriffen und sich das Leben der Halbjüdin schlagartig auf den Kopf stellte. War die Tochter einer berühmten Zirkusfamilie bei ihren Klassenkameraden gerade noch beliebt und eine begehrte Spielkameradin, wurde sie plötzlich zur Aussätzigen und war der Willkür der Nazis ausgesetzt.

Wie die junge Irene Bento Ausschwitz entkam und dann im Zirkus Althoff Unterschlupf fand, schilderte die Gruppe „Circus im Nationalismus“ auf bedrückende Weise in einer szenischen Lesung. Im Wechsel wurden Passagen aus der Biografie der ehemaligen Kunstreiterin „Der Clown und die Zirkusreiterin“ vorgelesen, die mithilfe typischer Elemente aus der Welt des Zirkus wie Jonglage, Artistik und Feuerschlucken schauspielerisch untermalt wurden.

Aktuelle Bezüge

Im zweiten Teil holte Musiker Kutlu Yurtseven die Mechanismen des Rassismus auf die Bühne und stellte durch das Medium Rapmusik eine Verbindung vergangener Geschehnisse zu heutiger Fremdenfeindlichkeit her.

Im Anschluss verfassten die Schüler in verschiedenen Workshops selbst Rapsongs oder schrieben Texte zu einer Nachrichtensendung im Jahr 2048, in der rückblickend auf die gesellschaftlichen Ereignisse im Jahr 2018 geschaut wurde. „Dabei geht es um die Frage, wie wir uns erinnern, an was wir uns erinnern und warum wir uns erinnern“, schilderte Ines Rosemann von der Projektgruppe „Circus im Nationalsozialismus“.

Das Herz berühren

Dass sich die Elftklässler an diese auf so emotional dargestellte Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus noch lange erinnern werden, stand für Schulleiterin Sigrid Radetzky schon am Anfang des Tages außer Frage. „Die Schüler werden nach diesem Abend anders sein“, war die Lehrerin überzeugt. Weil es den Akteuren gelungen sei, das schwere Thema wie dem Nationalsozialismus so aufzubereiten, dass es bei Jugendlichen auch ankomme. „Denn es nützt nur wenig, wenn es nicht das Herz berührt.“