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Ausstellung in Delmenhorst Gezieltes Töten von kleinen Kindern in der NS-Zeit

Von Thomas Deeken | 27.01.2015, 21:52 Uhr

Die Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht hat am Dienstagabend zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus eine neue Ausstellung im Delmenhorster Rathaus eröffnet. Dabei geht es um Gräueltaten an Kindern.

Dem staatlich organisierten Krankenmord sind zwischen 1939 und 1945 mehr als 200 000 Menschen zum Opfer gefallen, darunter nach neuesten Forschungen mindestens 10 000 Kinder und Jugendliche. Das hat die Bremer Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht, am Dienstagabend bei der Eröffnung der Ausstellung „entwertet. ausgegrenzt. getötet.“ im Delmenhorster Rathaus betont.

In der Ausstellung, die derzeit anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus zu sehen ist, geht es um die Medizinverbrechen an Bremer Kindern und Jugendlichen in der NS-Zeit. Zusätzlich erinnerte Engelbracht an Euthanasieopfer aus Delmenhorst wie Horst Justus Hohorst, der als Kind wegen seiner geistigen Behinderung in ein Heim gegeben und später – mit 19 Jahren – in der Gaskammer der NS-Tötungsanstalt Hadamar ermordet wurde. Ein junger Mann, dessen Vater ausgerechnet als Oberarzt an den Städtischen Kliniken für Zwangssterilisation und Euthanasie zuständig war. „Da kamen Täter und Opfer aus einem Haus“, sagte die Kulturwissenschaftlerin, die seit den 90er-Jahren im Bereich Medizinverbrechen forscht. Es sei ihr wichtig, alle Opfer mit Namen, Geburts- und Sterbedatum zu nennen, was jahrzehntelang verschwiegen worden sei.

Die Bremerin berichtete über die gezielte Selektion und Tötung von Mädchen und Jungen, die geistig oder körperlich behindert waren oder bei denen einfach nur Erbkrankheiten vermutet wurden. Als Beispiele nannte sie den kleinen Günther von Ahn, der am Down-Syndrom litt und deshalb im Alter von zwei Jahren und fünf Monaten sterben musste, und an Mariechen Franz, Tochter einer „Zigeunerin“. Das Mädchen wurde mit 15 Jahren in einer Bremer Klinik zwangssterilisiert, kam dann über das Vernichtungslager Auschwitz ins Konzentrationslager Ravensbrück, wo es vier Tage nach seinem 17. Geburtstag starb. Engelbracht informierte über die „Kinderfachabteilungen“, die „zur unauffälligen Abschaffung von Kindern mit Behinderungen geschaffen wurden“, und wies darauf hin, dass alleine in Lüneburg von den rund 700 aufgenommenen Kindern und Jugendlichen mehr als 400 starben.

Unterstützt wurde die Kulturwissenschaftlerin am Dienstagabend von den beiden Zeitzeugen Friedrich Buhlrich aus Delmenhorst und Hans Walter Küchelmann aus Bremen, die ihre eigene Familiengeschichte erzählten. Ihre Geschwister waren in der NS-Zeit ermordet worden.