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Ausstellung in Delmenhorst Verbrechen an kleinen Kindern zur NS-Zeit

Von Thomas Deeken | 21.01.2015, 20:39 Uhr

Im Delmenhorster Rathaus wird am Dienstag, 27. Januar, die Ausstellung „entwertet. ausgegrenzt. getötet“ eröffnet. Thema sind die Medizinverbrechen an Kindern zur Zeit des Nationalsozialismus.

Viele Jahre hatte er nicht gewusst, dass er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg adoptiert worden war. Als er dann die ersten Hinweise erhielt, begann er zu recherchieren und entdeckte vor etwa vier Jahren beim Durchblättern alter Fotoalben Sterbeurkunden von drei kleinen Kindern – seinen Halbgeschwistern. Zwei Mädchen und ein Junge, die im Krieg in der „Kinderfachabteilung“ Lüneburg beziehungsweise in einer psychiatrischen Klinik in Kutzenberg bei Nürnberg ums Leben gekommen waren. Seitdem hat Friedrich Buhlrich, der seit rund 30 Jahren in Delmenhorst lebt, seine Familiengeschichte neu aufgerollt. Eine Geschichte über junge Opfer des Nationalsozialismus, über die er am Dienstag, 27. Januar, im Delmenhorster Rathaus berichten möchte.

Zwei Zeitzeugen berichten

Buhlrich gehört neben dem Bremer Hans Walter Küchelmann zu den beiden Zeitzeugen, die zur Eröffnung der Ausstellung „entwertet. ausgegrenzt. getötet“ sprechen werden. Außerdem hält die Kulturwissenschaftlerin Gerda Engelbracht aus Bremen einen Vortrag über Medizinverbrechen an Bremer Kindern und Jugendlichen in der Zeit des Nationalsozialismus. Beginn dieser Veranstaltung anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus ist um 18 Uhr. Wer mit dabei sein möchte, sollte sich aufgrund der begrenzten Plätze unter der Telefonnummer (04221) 992464 anmelden.

Zwangssterilisiert oder getötet

„Bereits nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich die Idee, ein gesundes Volk zu schaffen“, sagt die Bremerin. Die Nazis setzten die Idee radikal um: Zehntausende Mädchen und Jungen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, mit spastischen Lähmungen und Downsyndrom oder zum Teil nur vermuteten Erbkrankheiten seien in Kliniken, Heimen und „Kinderfachabteilungen“ zwangssterilisiert worden beziehungsweise eines gewaltsamen Todes gestorben, so die Kulturwissenschaftlerin, die in ihrem Vortrag nicht nur an Bremer Kinder und Jugendliche erinnern, sondern auch Delmenhorst streifen möchte. So erinnere beispielsweise ein Stolperstein an das damals 19 Jahre alte Euthanasieopfer Horst Justus Hohorst, das im März 1941 in die „Heilanstalt“ Hadamar eingewiesen und ermordet worden war.

Auch Buhlrich, 1946 geboren und in Bremen aufgewachsen, zählt seine Halbgeschwister zu den Euthanasieopfern des Nationalsozialismus. Erika Buhlrich, 1936 geboren, kam 1944 in Lüneburg ums Leben, Margret, 1941 geboren, lebte ebenfalls nur bis 1944. Und Hans-Wilhelm Buhlrich, Jahrgang 1932, kam zunächst ins Gertrudenheim nach Oldenburg und später nach Kutzenberg, wo er 1942 starb. Ganz offiziell waren alle drei laut Friedrich Buhlrich zu Hause an Lungenentzündung gestorben. Tatsächlich habe seine Mutter ihre drei Kinder, die sie in die Obhut von Ärzten gegeben habe, damit sie wieder gesund werden, nicht wieder lebend gesehen.