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Ausstellung in Ganderkesee Auf der Flucht vor dem eigenen Mann

Von Marie Busse | 20.11.2018, 10:42 Uhr

Bedrohung, Gewalt, Misshandlung – die Gründe, warum Betroffene im Frauenhaus im Landkreis Oldenburg Hilfe suchen und wiegen oft schwer. Doch nicht immer können alle aufgenommen werden. 2017 mussten 46 Frauen und 56 Kinder an andere Häuser vermittelt werden.

Ein 15-jähriges Mädchen im Rollstuhl wird von ihrem Vater sexuell missbraucht. Sie sieht keinen Ausweg für sich, glaubt nicht, dass sie aus der Familie gehen kann. Schließlich hat sie noch einen kleinen Bruder und will ihn nicht zurücklassen. Sie meldet sich bei der Beratungsstelle „ Aufwind “. Erst online, dann am Telefon und schließlich entsteht ein persönlicher Kontakt. Das Mädchen kommt in ein Frauenhaus, auch der Bruder muss nicht in der Familie bleiben.

Frauenhaus arbeitet mit Beratungsstellen zusammen

Dieser Fall, den Karin Kohorst-Thölke, Leiterin des Frauenhauses im Landkreis Oldenburg am Montag im Rathaus schilderte, zeigt, wo die Arbeit des Frauenhauses ansetzt. Es arbeitet engmaschig mit den Beratungsstellen im Landkreis zusammen. Und dort melden sich immer mehr Betroffene: Haben sich noch 2015 noch 285 Frauen und Mädchen bei „Aufwind“ informiert, waren es 2017 schon 705.

Zehn Plätze im Frauenhaus

Das Frauenhaus selbst hat in diesem Jahr 59 Frauen und 84 Kindern Schutz geboten, 14 Frauen stammen aus dem Landkreis Oldenburg. Die übrigen 45 Frauen kommen aus dem gesamten Bundesgebiet. „Der Großteil ist zwischen 30 und 40 Jahre alt“, sagte Kohorst-Thölke und ergänzte: „Gewalt gibt es in allen Kulturen und Nationen.“ Das Frauenhaus hat bereits Frauen aus 41 Ländern Zuflucht gewährt. Durchschnittlich bleiben die Frauen 14,8 Tage. Doch nicht immer können Hilfesuchende aufgenommen werden. Aufgrund fehlender Kapazitäten, das Frauenhaus verfügt über zehn Plätze, mussten 2017 46 Frauen und 56 Kinder an andere Häuser vermittelt werden.

Gewalt zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten

Die Hintergründe der Frauen seien sehr unterschiedlich. Kohorst-Thölke: „Von der Unternehmerin bis zur Sozialhilfeempfängerin – Gewalt geht durch alle Gesellschaftsschichten.“ Und auch die Dauer sei sehr verschiedenen. „Einige wollen dem Kind den Vater nicht nehmen und bleiben daher bis die Kinder erwachsen sind“, erklärte die Frauenhaus-Leiterin. Wenn der Mann aber ebenfalls die Kinder schlage, sei das für viele Mütter ein Trennungsgrund: „Sie sind dann nicht in der Partner, sondern in der Mutterrolle und wollen die Kinder schützen.“ Trotz Gewalterfahrungen entschieden sich im vergangenen Jahr sechs der 75 Frauen zu ihrem Partner zurückzukehren. Auch hier vermittelt das Frauenhaus, beispielsweise an das Oldenburger Interventionsprojekt (Olip), das mit Tätern arbeitet. „Die Frauen gehen nicht zurück und alles ist wie vorher“, stellte Kohorst-Thölke klar.

Hilfe für Täter

Daniela Hirt von Olip erklärte: „Zu uns kommen seit 2013 einmal wöchentlich Männer, die gewalttätig geworden sind, in eine Gruppensitzung.“ Viele werden von der Staatsanwaltschaft oder dem Jugendamt geschickt, aber einige Männer meldeten sich auch selbst. Als ersten Schritt müssen sie sich eingestehen, dass sie Gewalttäter sind. Hirt: „Anfangs flüchten sich viele in Ausreden und sagen: `Sie hat mich provoziert`.“ Die Männer müssten eine gleichberechtigte und gewaltfreie Partnerschaft erst lernen. Bislang ist das Projekt erfolgreich: „Eine Evaluation hat ergeben, dass 76 Prozent der Beziehungen nach Beendigung des Trainings gewaltfrei geblieben sind“, sagte Hirt.

Die Gemeinde Ganderkesee hat anlässlich des Internationalen Tages zur Beseitigung von Gewalt an Frauen am Sonntag, 25. November, zahlreiche Aktionen gestartet. Noch bis zum 30. November ist im Rathaus die Ausstellung „Nein zu Gewalt an Frauen“ zu sehen. Am Mittwoch, 21. November, greift Jule Vollmer das Thema humorvoll unter dem Titel „Die Waffen der Frauen“ auf. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr in der Gemeindebücherei.