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Ausstellung zur Zeit vor 100 Jahren Als rote Fahnen in Delmenhorst flatterten

Von Dirk Hamm | 15.12.2018, 11:25 Uhr

Einblicke in die hiesigen Verhältnisse vor 100 Jahren gewährt eine Schau auf der Nordwolle. Trotz des Umbruchs stand den Menschen nicht der Sinn nach noch weiter reichenden Veränderungen.

Als recht zwiegespalten stellte sich die Stimmungslage der Delmenhorster vor 100 Jahren dar. Der einer deutschen Kapitulation gleichkommende Waffenstillstand vom 11. November 1918 hatte den Ersten Weltkrieg beendet, mit der Abdankung des Kaisers zwei Tage zuvor war die alte monarchische Ordnung zusammengebrochen. Die Stunde der Revolution schien gekommen, auch in Delmenhorst verbreitete sich Unruhe, die revolutionären Akte der Marinesoldaten ermunterten zu eigenem Handeln.

Mit dem Kaiserreich abgeschlossen

Das zeigte sich bei der großen Kundgebung auf dem Marktplatz am 8. November, als die Menge den Sozialdemokraten August Jordan zum Beigeordneten und damit gleichsam zum Kontrolleur des Bürgermeisters Hermann Hadenfeldt wählte. Am selben Tag wurde in Sudmanns Hotel ein Soldatenrat gewählt. Es war offensichtlich, dass die Delmenhorster „in den Tagen unmittelbar nach dem Kriegsende schnell mit dem Kaiserreich abgeschlossen“ hatten, wie Dr. Carsten Jöhnk, Leiter des Nordwestdeutschen Museums für Industriekultur, in einem Aufsatz im Delmenhorster Heimatjahrbuch 2018 feststellt. Auf vielen Gebäuden, etwa dem Wasserturm und einigen Fabriken, wehten nun rote Fahnen.

Mangelwirtschaft hielt an

Zugleich herrschte allgemeine Erschöpfung nach dem verlustreichen Krieg, allein in Delmenhorst wurden 824 Todesopfer beklagt. Die jahrelange Mangelwirtschaft hielt weiter an. Revolutionärer Eifer fiel so letztendlich nicht auf fruchtbaren Boden, wie sich Anfang Januar 1919 bei einem gescheiterten Umsturzversuch von Spartakisten aus Bremen zeigen sollte. Die gemäßigten Mehrheitssozialisten behielten in Delmenhorst ohne große Mühe die Oberhand.

Ein Symbol für die alte Ordnung

Ein derzeit in der Turbinenhalle auf der Nordwolle zu besichtigendes Objekt steht symbolisch für die Zurückhaltung der Delmenhorster gegenüber allzu tief einschneidenden politischen Veränderungen in der Phase unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Es handelt sich um das hölzerne Stadtwappen, an das im Zuge einer groß angelegten öffentlichen Aktion im Jahr 1916 gegen eine Kriegsspende Plaketten geschlagen werden konnten. Für ebenjenes genagelte Stadtwappen, das für die alte Ordnung stand, wurde laut Jöhnk der Sitzungssaal des Magistrates im Rathaus als angemessener und repräsentativer Ort ausgewählt. „Die Leute wollten damals politische Veränderung, aber auch Ruhe“, urteilt der Museumsleiter.

Sonderausstellung bis 31. März 2019

Sonst in der Dauerausstellung im Stadtmuseum nebenan zu finden, hat das eindrucksvolle Objekt vorübergehend seinen Platz in der Turbinenhalle gefunden. Dort ist es Bestandteil der noch bis zum 31. März 2019 laufenden Sonderausstellung „Delmenhorst nach dem 1. Weltkrieg“. In der kleinen, aber feinen Schau sind Exponate aus den Beständen des Industriemuseums und des Stadtarchivs zusammengeführt worden.

Bezugsscheine und Gewehre

Mit Silhouetten Delmenhorster Motive verbundene Texttafeln behandeln das Themenfeld von der Situation in den Kriegsjahren über die eingangs angesprochenen politischen Veränderungen bis zur schwierigen Versorgungslage und der Entwicklung der Delmenhorster Industrien nach dem Krieg. Objekte wie Bezugsscheine für Grundnahrungsmittel, Gewehre aus dem Ersten Weltkrieg oder ein Reservistenkrug illustrieren in Vitrinen die damaligen Verhältnisse.

Schwierige Objektlage

„Die Objektlage aus dieser Zeit ist schwierig. Es gibt nicht einmal Fotos von der Revolution auf dem Marktplatz“, erläutert Carsten Jöhnk. Der Museumsleiter hat die Ausstellung kuratiert, basierend auf seiner Auswertung der lokalen und regionalen Presseberichterstattung aus der Umbruchzeit 1918/19, die auch die Grundlage für seinen Beitrag im Heimatjahrbuch bildet.