Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

Austausch in Delmenhorst Fachtagung zum Kinderschutz: Unfall oder Verbrechen?

Von Marco Julius | 22.03.2017, 10:08 Uhr

Der Arbeitskreis Medizinischer Kinderschutz in der Weser-Ems-Region lädt zur Fachtagung. Ein Ziel ist es, Aufmerksamkeit für ein sensibles Thema zu schaffen.

„Das Thema brennt den Leuten einfach auf den Nägeln, weil es eine große Unsicherheit gibt“, sagt Dr. Johann Böhmann, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Josef-Hospital Delmenhorst. Das Thema lautet „Unfall oder Verbrechen? Kindesmisshandlung erkennen“. Niedergelassene Ärzte kommen, Mediziner aus dem Krankenhaus, Pflegekräfte, Psychologen, Menschen die im weiten Feld des Kinderschutzes arbeiten, sie alle sind am Mittwoch, 22. März, in der Turbinenhalle auf der Nordwolle dabei, wenn der Arbeitskreis Medizinischer Kinderschutz in der Weser-Ems-Region zur Fachtagung einlädt. „Über 70 Anmeldungen zeugen davon, wie wichtig das Thema ist“, sagt Böhmann, der gemeinsam mit Dr. Claudia Niekrens, Oberärztin an der hiesigen Kinderklinik, den Großteil der Fachtagung bestreiten wird.

Kleinkinder haben hohes Risiko

Böhmann, seit über zwei Jahrzehnten in der Unfallprävention für Kinder aktiv, macht deutlich, dass es eine große Grauzone gibt, wenn man das Überschneidungsfeld zwischen Unfällen im Kindesalter und Kinderschutzfällen genauer unter die Lupe nimmt. Ist jeder Unfall wirklich „nur“ ein Unfall? Oder andersherum: Ist jedes Hämatom durch eine Misshandlung entstanden? Böhmann nennt eine Zahl zur Veranschaulichung, die die Uniklinik Cottbus veröffentlicht hat. „Dort sind von 100 Säuglingen, die aufgrund von Verletzungen behandelt wurden, 15 Opfer von Gewalt gewesen.“ Überhaupt hätten Kleinkinder das höchste Risiko, Opfer von Gewalttaten zu werden. 

Die Fachtagung soll dazu beitragen, dass alle Beteiligten sensibilisiert werden. „Genau hinschauen und genau hinhören“, das sei wichtig, sagt Niekrens, um die Fälle von Kindesmisshandlung unter den vermeintlichen Unfällen zu bemerken und entsprechende Schritte einzuleiten.

E-Learning-Modul aus Holland kommt

Helfen soll dabei künftig auch ein E-Learning-Modul, das in Holland entwickelt wurde und nun auch im Weser-Ems-Gebiet zum Einsatz kommen soll. Ab Mai, sagt Niekrens, könne das Modul in Delmenhorst zum Einsatz kommen, das nicht nur Krankenhausmitarbeiter schulen soll.

Ein Fallbericht, der während der Fachtagung vorgestellt wird, soll aufzeigen, dass auch ausgeprägte Hämatome, die als Ursache eine Misshandlung nahe legen, nicht zwangsläufig durch Gewalteinwirkung entstanden sein müssen. Ein anderer Fallbericht werde den frühen präventiven Ansatz im Kinderschutz hervorheben, der nur durch die enge Vernetzung verschiedener Akteure im Kinderschutz wie etwa Frühe Hilfen, Jugendamt und Bremer Engel funktionieren kann.

„In der Stadt Delmenhorst ist das Netzwerk bereits weit verzweigt. Aber es gibt immer noch Dinge, die noch zu verbessern sind“, betont Böhmann. „Wir sind da am Ball und wollen als Klinik in Delmenhorst eine führende Stellung und Vorbildfunktion einnehmen.“