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Autohaus-Prozess Mutmaßliche Betrügerin erlebte lückenloses Vertrauen

Von Ole Rosenbohm | 22.11.2018, 19:11 Uhr

Sie soll in die Kasse gegriffen, sich Firmengeld überwiesen und falsche Quittungen ausgestellt haben. Am Ende des Jahres fehlten dem Delmenhorster Autohaus, bei dem sie noch nicht mal ein Jahr als Buchhalterin arbeitete, über 400000 Euro – laut Anklage veruntreut von der 40 Jahre alten Frau aus Lemwerder.

Donnerstag wurde der Prozess am Landgericht Oldenburg gegen sie fortgesetzt.

Zugleich wurde das Verfahren gegen ihren mitangeklagten Vater gegen eine Zahlung von 800 Euro an die Staatskasse eingestellt. Der Vater soll an einer ihrer 19 Taten beteiligt gewesen sein, soll sein Auto in Zahlung gegeben aber für den neuen Wagen nie die offenen 17.000 Euro gezahlt haben. Auch der Ehemann der Angeklagten war für wenige Taten mitangeklagt. Sein Verfahren wurde wegen Verhandlungsunfähigkeit abgetrennt.

„Sie hatte freien Lauf“

So erlebte die 40-Jährige bei der Zeugenaussage eines ehemaligen Geschäftsführers alleine den Blick zurück ins Jahr 2013. Als sie „lückenloses Vertrauen“ beim Inhaber genoss und Vollmachten über alle Konten besaß, wie der 64-jährige Zeuge berichtete: „Sie hatte freien Lauf.“ Ein Führungszeugnis, in dem Gerichtsurteile wegen Betrugs erkennbar gewesen wären, wurde nicht verlangt vom Chef – ein Geschäftsmann alter Schule, für den „das gesprochene Wort Gesetz war“. Im November 2013 starb er. Einen Verdacht auf Unregelmäßigkeiten durch seine Buchhalterin hatte er wohl nie.

Fehlbetrag fiel auf

Aber natürlich fiel der Fehlbetrag auf. Die Buchhalterin selber ergriff die Flucht nach vorne, meldete ihn den neuen Verantwortlichen. Die suchten an langen Abenden nach dem Leck. Dann die Erkenntnis: Die Buchhalterin war es.

Angeblich Schuldanerkenntnis unterschrieben

Ihr letzter Tag in der Firma war der 29. April 2014. Bei einem Gespräch im Büro des Steuerberaters soll sie mit den Erkenntnissen konfrontiert worden sein und schließlich Schuldanerkenntnisse über 403.000 Euro unterschrieben haben – an einem zweiten Abend beim Notar. Aber: Wurde sie gezwungen? Der Zeuge („Ein lustiges Gespräch war es sicher nicht“) will sich nicht mehr erinnern können nach so langer Zeit. Aber man soll ihr gedroht haben, deutete die Verteidigung an: mit Anzeige, Hausdurchsuchung, Kontensperrung und sechs Jahren Knast. Sie werde nie mehr Fuß fassen, soll angeblich gesagt worden sein. Und dass man sie „richtig leiden sehen wollte“.

 Die Angeklagte hat noch nicht ausgesagt. Sie scheint aber kaum alles hinnehmen zu wollen. Denn das Schuldanerkenntnis von damals focht an. Und auch gegen ihre Kündigung zog sie vors Arbeitsgericht.