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Mehr Tempo bei Genehmigungen gefordert Bau von Mehrfamilienhäusern in Delmenhorst droht einzuknicken

Von Frederik Grabbe | 11.04.2019, 09:01 Uhr

Mehrfamilienhäuser entstehen gefühlt an fast jeder Ecke in Tatsächlich ist ihr Bau in den vergangenen Jahren deutlich angezogen. 2018 stellt eine Ausnahme dar.

Wer im Delmenhorster Stadtgebiet unterwegs ist, der erhält an vielen Stellen unweigerlich den Eindruck, dass sich auf dem Bau etwas tut. Genauer: Bei der Errichtung von Mehrfamilienhäusern. An einigen Ecken nehmen die Baustellen einen prominenten Platz ein. So sind erst kürzlich zwei Mehrfamilienhäuser an der Delmodstraße/ Ecke Wildeshauser Straße bezogen worden. An der Grünen Straße sollen auf lange Sicht vier solcher Gebäude entstehen. Und im Innenstadtbereich wird derzeit an der Oldenburger Straße an der Stelle der früheren Hähnchenbraterei Wienerwald ein Sechs-Parteien-Haus gebaut.

Frühere Hähnchenbraterei abgerissen

Als "Schandfleck" bezeichnet Bauherr Henry Grobbin (71) das Gebäude in Steinwurfweite zur Fußgängerzone, in dem derImbiss-Betrieb 2003 eingestellt worden ist, in der Rückschau. "Das Haus war 150 Jahre alt, und in den vergangenen 30 Jahren ist es verkommen", sagt Grobbin. 2014 kaufte er das Grundstück an der Oldenburger Straße. Auf dem hinteren Teil, wo früher eine Kegelbahn gestanden habe, hat er bereits gebaut. Im vorderen Bereich soll ein Mehrfamilienhaus mit sechs barrierefreien Wohnungen entstehen. "Bis Jahresende sollen die Arbeiten abgeschlossen sein", sagt Grobbin. Der Bauherr meint, dass durch den Abriss von Altbauten und anschließende Neubauten gerade in Delmenhorst viele neue Wohnungen geschaffen werden könnten. "Wenn ich was zu sagen hätte, würde ich für jeden Neubau zwei alte Gebäude abreißen lassen."

Nachfrage nach preiswertem Wohnraum

Dass auf jeden Fall Bedarf an neuem Wohnraum in Mehrfamilienhäusern besteht, das unterstreicht Stefanie Höynck, Immobilienberaterin bei der Landessparkasse zu Oldenburg (LzO). Für einen privaten Bauherrn hat sie kürzlich Wohnungen in zwei neuen Gebäuden an der Delmodstraße nahe des Friedhofs verkauft. Zwölf Wohnungen sind dort in zwei Anbauten an einem Bestandsgebäude entstanden. Pro Quadratmeter beliefen sich die Baukosten auf 1900 bis 2000 Euro, was laut Höynck eher preiswert ist. Gerade in diesem Segment sei die Nachfrage extrem hoch. Im konkreten Fall sagt sie: "Die Wohnungen gingen weg wie warme Semmeln."

27 neue Wohnungen an der Grünen Straße

Dass es auch Bedarf an "hochwertigem Wohnraum" gibt, wie Bauherrin Birgit Famulla es ausdrückt, zeigt ein Beispiel an der Grünen Straße. Dort entstehen seit dem Frühjahr 2018 auf dem Grundstück des ehemaligen Raumgestalter-Fachmarkts Lindemann & Thoms gleich vier neue Mehrfamilienhäuser. Eines ist schon bezogen, das zweite soll bis Herbst fertiggestellt werden und Baubeginn für die Gebäude Nummer drei und vier soll im Laufe dieses Jahres sein, beschreibt Famulla. Insgesamt 27 weitestgehend barrierefreie Wohnungen sollen so entstehen.

Neue Mehrfamilienhäuser nehmen rapide zu

Wie viele Wohnungen konkret auf solchen Abrissgrundstücken oder in Baulücken in den vergangenen Jahren in Delmenhorst entstanden sind, darüber führt die Stadt Delmenhorst keine Statistik, heißt es auf Nachfrage aus dem Rathaus. Ihre Zahlen bestätigen aber, dass der Markt für den Bau von Mehrfamilienhäusern in den vergangenen Jahren vergleichsweise heiß gelaufen ist – aber zuletzt eine deutliche Abkühlung erfahren hat. Seit 2008 verzeichnet die Stadtverwaltung einen rapiden Anstieg bei den Baugenehmigungen für neue Mehrfamilienhäuser. 2008 waren es gerade einmal vier Genehmigungen, 2017 waren es 221 – Spitzenwert der vergangenen Jahre seit 2005. Im vergangenen Jahr hingegen brach die Zahl der Genehmigungen auf 90 ein. Warum das so ist, dazu kann die Stadt keine Angaben machen.

Hohes Interesse an Wohneigentum, wenig verfügbare Flächen

Ein möglicher Faktor liegt für Immobilienberaterin Höynck in fehlenden Bauflächen in Delmenhorst. Diese Vermutung scheint durch den Gutachterausschuss für Grundstückswerte (GAG) Oldenburg-Cloppenburg gestützt zu werden: Dieser hielt in seinem Grundstücksmarktbericht fürs Jahr 2018 fest, dass im gesamten vergangenen Jahr nur 34 Baugrundstücke verkauft worden sind. Ein sehr niedriger Wert, wie Christine Stubbemann vom GAG sagte. Dessen Daten hinterlegen weiter ein kräftiges Interesse an Wohneigentum in Delmenhorst: 1000 Grundstücks- sowie Immobilienverkäufe zählte der GAG 2018. Zwölf Prozent mehr, als im Vorjahr. Im Oldenburger Land war Delmenhorst damit Spitzenreiter. Niedersachsenweit ist die Zahl der Verkäufe nur um ein Prozent gestiegen.

Ein weiterer Grund für die abnehmende Zahl an Genehmigungen für den Bau von Mehrfamilienhäusern in der Stadt könnte möglicherweise in der schleppenden Bearbeitung von Baugenehmigungen liegen. Diese zumindest bemängeln die Bauherren Grobbin und Famulla. "Ich möchte keine Schuldzuweisungen aussprechen, aber in meinem Fall hat die Bearbeitung eines Antrags für ein Haus länger als ein halbes Jahr gedauert", sagt Birgit Famulla. "Das könnte schneller gehen." Henry Grobbin meint, er habe gar ein ganzes Jahr lang gewartet.

Unbearbeitete Bauanträge auf neuem Höchststand

Diese Klage ist nicht neu: Erst im Januar berichtete der zuständige Fachdienstleiter Gunter Bott im Planungsausschuss, dass die Zahl der nicht bearbeiteten Vorgänge in der Baubehörde auf einem neuen Höchststand liegt: 303 Bauantragsverfahren, Bauvoranfragen oder andere Vorgänge standen zum Jahresende 2018 offen. Im Januar des Jahres waren es knapp weniger als 150, geht aus der Vorlage zur Sitzung hervor. Damit dürfte sich die "Antragsflut", die die Stadt bereits in den Vorjahren ausgemacht hatte, noch einmal verschärft haben. In diesem Kontext hatte Bott zuvor ebenfalls lückenhaft ausgefüllte Unterlagen durch Bauherren moniert. Zudem hatte er von einem personellen Engpass in der Behörde gesprochen. Zwischenzeitlich wurde die Stellenzahl im Fachdienst leicht angehoben.

Rund 500 neue Wohnungen in fünf Jahren

Die Ziele der Wohnungsmarktstrategie der Stadt werden davon zumindest im Bereich der Mehrfamilienhäuser nicht tangiert. Diese sieht vor, jährlich mindestens 200 Wohneinheiten, davon mindestens 100 in Mehrfamilienhäusern und weitere 100 Wohneinheiten in Ein- und Zweifamilienhäusern, zu schaffen. Laut Verwaltung sind zwischen 2013 und 2017 insgesamt 504 Wohnungen in Mehrfamilienhäusern gebaut worden (318 in Ein- und Zweifamilienhäusern). "Über diesen Zeitraum betrachtet, wurde das (Mindest-)Ziel erreicht", teilt die Verwaltung auf Nachfrage mit. Im Mai erwartet sie neue Daten zur Fertigstellung von Mehrfamilienhäusern in der Stadt. Dann wird feststehen, wie sich der Einbruch bei den Genehmigungen tatsächlich auf den Hausbau ausgewirkt hat.

Eines dürfte jedenfalls in Sachen Wohnungsbau sicher sein: "Weitere Anstrengungen sind in den kommenden Jahren gewünscht", hält die Verwaltung fest, sollen die Ziele der Wohnungsmarktstrategie erreicht werden.