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Behandlungsstuhl trägt nur 140 Kilo Zu schwer: Frauenärztin weist Delmenhorsterin ab

Von Thomas Breuer und Sonia Voigt | 07.09.2016, 17:34 Uhr

Mit mehr als 140 Kilogramm zu schwer für eine frauenärztliche Untersuchung? Eine 47-jährige Delmenhorsterin fühlt sich gedemütigt.

So abgelehnt wie noch nie seit ihrer Gewichtszunahme hat sich eine 47-jährige Delmenhorsterin kürzlich in einer Delmenhorster Frauenarzt-Praxis gefühlt. „So etwas ist mir noch nie passiert“, sagt die Patientin, dabei wiege sie schon seit der Geburt ihres zweiten Sohnes 140 Kilogramm – „und der wird bald zwölf Jahre alt“. Regelmäßige Arztbesuche gehören für sie wegen eines Gebärmutterleidens zum Alltag, doch der Versuch, jetzt zu einer neuen Frauenärztin zu wechseln, brachte ein frustrierendes Ergebnis: „Mein Eindruck war gleich: Die wollen mich gar nicht haben“, sagt sie.

In der Praxis gleich auf die Waage gestellt

Sie sei direkt nach Betreten der Praxis schon nach ihrem Gewicht gefragt worden und habe dann mit Schuhen und Tasche auf die Waage steigen müssen, berichtet die 47-Jährige. Als diese 148,5 Kilogramm anzeigte, habe die Arzthelferin ihr eröffnet, dass die Ärztin sie nicht behandeln könne. Der neue gynäkologische Behandlungsstuhl sei vom Hersteller nur bis 140 Kilogramm Körpergewicht zugelassen und drohe unter ihrem Gewicht kaputtzugehen. Ohne einen Rat, wohin sie sich stattdessen wenden könne, sei sie weggeschickt worden, berichtet die in der Pflege tätige Frau.

Auch weil sie von einer anderen korpulenten Patientin gehört habe, die zwei Stunden dort vergeblich im Wartezimmer saß, bevor sie weggeschickt wurde, will die 47-Jährige nun öffentlich auf „die Diskriminierung in dieser Praxis“ hinweisen und sich auch bei der Ärztekammer beschweren. Für sich hat sie inzwischen einen Termin bei einem anderen Frauenarzt ausgemacht, dessen Personal erstaunt sagte, das sei doch egal, als sie sicherheitshalber schon am Telefon auf ihr Gewicht hinwies.

Neuer Stuhl lässt laut Ärztin nicht mehr zu

Frauenärztin Dr. Karin Ryborz, in deren Praxis die 47-Jährige war, bestätigte, dass sie Frauen mit einem Körpergewicht von mehr als 140 Kilogramm keine Untersuchung auf dem gynäkologischen Stuhl anbieten kann. Nicht etwa, weil sie dies nicht wolle, sondern weil sie es nicht dürfe. Als sie mit ihrer Praxis in das neue Ärztezentrum am Hasporter Damm zog, habe sie als Teil der Neuausstattung ihrer Praxis auch zwei neue gynäkologische Stühle gekauft. „Gegenüber dem Hersteller musste ich unterschreiben, davon Kenntnis zu haben, dass sie nur bis 140 Kilogramm belastet werden dürfen“, sagt die Ärztin. Der alte Stuhl sei wohl 40 Jahre alt gewesen und habe noch ein Körpergewicht von 160 bis 180 Kilogramm zugelassen.

Die Untersuchung einer Frau von mehr als 140 Kilogramm sei ihr auch aus Versicherungsgründen unmöglich, denn: „Was ist, wenn der Stuhl zusammenbricht und die Frau anschließend querschnittsgelähmt ist?“

„Ich spreche mit jeder Frau“

Die Ärztin weist zurück, dass die Patientin im konkreten Fall einfach weggeschickt worden sei. „Ich spreche mit jeder Frau, aber in diesem Fall kam sie ohne Termin in meine Praxis und wollte dann auch nicht mehr auf ein Gespräch warten.“ Dass sie Frauen wegen des Körpergewichts nicht untersuchen könne, sei zwar selten, komme aber hin und wieder vor.

Dass es Probleme bei der Behandlung besonders schwergewichtiger Patientinnen gibt, ist auch der Ärztekammer Niedersachsen seit einigen Jahren bekannt und war nach Angaben einer Sprecherin bereits Thema einer Rechtsberatertagung auf Bundesebene. Im Nachgang sei eigens ein Aufsatz „Der adipöse Patient in der Arztpraxis“ verfasst worden, der auf haftungsrechtliche Probleme eingeht.

Kassenärztliche Vereinigung soll helfen

„Aus unserer Sicht muss die Ärztin die Patientin in diesem Fall nicht behandeln“, heißt es seitens der Ärztekammer. Die Frau könne sich nun an die Kassenärztliche Vereinigung wenden, die die Versorgung auch dieser Patientengruppe sicherzustellen habe. Dort könne sie bei der Suche nach einer Behandlungsmöglichkeit unterstützt werden.

Ryborz hat nach eigenen Angaben bereits zwei Patientinnen mit hohem Körpergewicht an Krankenhäuser überwiesen. Das JHD etwa verfügt über einen bis 180 Kilogramm belastbaren gynäkologischen Stuhl, wie unserer Zeitung auf Nachfrage bestätigt wurde.