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Besonderes Jobcenter-Programm Delmenhorst: Ein Verbündeter bei der Suche nach Arbeit

Von Frederik Grabbe | 02.03.2017, 18:31 Uhr

Mehr Zeit, intensivere Gespräche, mehr Nähe: Um Langzeitarbeitslose effektiver in Arbeit zu bringen, ist in Delmenhorst das Jobcenter-Programm Netzwerk ABC aufgelegt worden. Und die Ergebnisse fürs Jahr 2016 sind richtig gut. Und doch ist eine Zukunft des Programms fraglich.

Ein normaler Arbeitsvermittler beim Jobcenter in Delmenhorst betreut im Schnitt 200 Kunden. Für einen der insgesamt drei Kollegen vom Netzwerk ABC, dass sich gezielt der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen widmet, also Menschen, die länger als zwölf Monate keine Arbeit mehr hatten, sind es 50. 2016 erhoffte man sich im Jobcenter, 60 von insgesamt 150 Jobsuchenden über dieses Programm in Arbeit zu bringen. Es wurden 96. Der Zielwert wurde also um ein Drittel übertroffen. Oder anders gesagt: Zwei Drittel aller Suchenden fanden Arbeit.

Mehr Zeit, intensivere Gespräche, mehr Nähe zum Arbeitslosen

Was ist also anders beim Netzwerk ABC?

„Dadurch, dass ich deutlich weniger Jobcenter-Kunden betreue, ist natürlich mehr Zeit für jeden einzelnen da“, sagt Andreas Koplin, Integrationsfachkraft in dem Programm. „Dies ermöglicht unter anderem intensivere Gespräche. Letztens habe ich über zweieinhalb Stunden mit einem Arbeitslosen gesprochen. Unter normalen Umständen ist das nicht leistbar.“ Auf diese Weise, so Koplin, komme vieles ans Tageslicht, dass dabei helfe, einen passenden Job zu finden – oder eine Weiterbildung in Angriff zu nehmen. Zudem sei Zeit für Gespräche mit möglichen Arbeitgebern oder für eine Nachbetreuung, wenn der Weg in den Job also schon vollzogen ist.

Nach zwei Wochen ergab sich eine PerspektiveWollten 60 Langzeitarbeitslose vermitteln, am Ende wurden es 95: Andreas Koplin ist Integrationsfachkraft im Netzwerk ABC, Sina Kuhrke ist Teamleiterin Markt und Integration. Drei Mitarbeiter im Netzwerk ABC betreuen je 50 Jobcenter-Kunden, ein normaler Arbeitsvermittler hat es mit 200 zu tun. Foto: Frederik Grabbe

Ein Beispiel für so eine Vermittlung ist Sarah Schmidt (Name geändert). Die 27-Jährige wurde nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einem Modegeschäft nicht übernommen. Im Juni 2015 gab es ein Erstgespräch beim Jobcenter. Eine Stelle im erlernten Job war wegen eines Rückenleidens nicht mehr denkbar. Im März 2016 wurde sie ins Programm ABC aufgenommen – und nach nur zwei Wochen nahm sie eine Weiterbildung zur Betreuungskraft in einem Altenheim auf. Der Weg in den Job fand sich schnell. „Ich fühlte mich bei ABC gut aufgehoben, eine Perspektive hat sich für mich schnell ergeben“, sagt die junge Frau überzeugt. Allerdings: Nach sechs Monaten wurde ihr und vielen anderen Mitarbeitern gekündigt. Zusammen mit ABC-Berater Koplin arbeitet Schmidt aber schon an einem neuen Weg: Sie will eine Weiterbildung zur Technischen Sterilisationsassistentin angehen. Die junge Frau ist optimistisch, dass es danach mit einer Stelle klappen könnte.

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Sehr viele Langzeitarbeitslose in Delmenhorst

Wie Schmidts Fall zeigt, ist der Schritt in Arbeit nicht immer zwingend der nächste. „Viele Kunden sind schon sehr lange arbeitslos. Bei ihnen stellt sich die Frage, wie man überhaupt wieder Motivation aufbauen kann, damit sie wieder von sich aus arbeiten wollen“, sagt Sina Kuhrke, Teamleiterin Markt und Integration. Um dies zu verstehen, lohnt ein Blick ins Zahlenwerk des Jobcenters: In Delmenhorst gibt rund 7600 erwerbsfähige Leistungsberechtigte, also Menschen, die arbeiten könnten, aber keine passende Stelle finden und Hartz IV beziehen. Unter ihnen sind fast 5000 Langzeitbezieher, die mindestens 21 von 24 Monaten diese Leistung beziehen. Und 3300 von diesen wiederum erhalten schon seit vier Jahren oder länger Hartz IV. Und besonders viele der Langzeitbezieher über 50 Jahre alt (1623). Das relativ hohe Alter und die lange Arbeitslosigkeit sind laut Marion Denkmann, stellvertretende Leiterin des Jobcenters, gleich zwei Vermittlungshemmnisse. Die Hoffnung, wieder Arbeit zu finden, sei entsprechend gering.

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„An Stärken erinnern, sich als Verbündete anbieten“

„Bei vielen geht es zunächst darum, an die eigenen Stärken zu erinnern. Ihnen Hilfe zu geben. Ihnen zu versichern, dass sie einen Verbündeten haben“, sagt Koplin. Generell gelinge Älteren die Vermittlung in Arbeit nur „durch ganz viel eigene Kraft.“ Dass sich im ABC-Programm Ältere ebenso gut vermitteln ließen wie Jüngere, sei der Motivation geschuldet, die viele der Teilnehmer mitbrächten, so Koplin. Und die ist eben auch Folge der engen Beratung.

Zukunft des ABC-Programms noch ungewiss

Ob das ABC-Programm eine langfristige Zukunft in Delmenhorst hat, ist laut Marion Denkmann vorerst nicht gesichert. Zunächst laufe es bis 2018, mit wie vielen Betreuern aber sei eine Frage des Stellenplans und wie viele Mittel am Ende der Bund zur Verfügung stelle. Eine Ausbreitung des Programms sei wegen der Personaldecke wohl nicht möglich.