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Bitterböse und vergnüglich Kreisler-Abend in Delmenhorst als Kommentar zur Welt

Von Marco Julius | 20.03.2017, 12:56 Uhr

Michael Müller (Gesang) und Adrian Rusnak (Klavier) liefern mit einem Kreisler-Abend im Foyer des Kleinen Hauses einen Kommentar zu Welt. Der fällt böse, aber zugleich besonders vergnüglich aus.

Es ist kurz vor 22 Uhr an diesem verregneten Sonntag, als der an Höhepunkten wahrlich nicht arme Abend sich anschickt, sich noch einmal in höchste Höhen zu schrauben. Finale Furioso im Foyer des Kleinen Hauses. Michael Müller singt den „Opernboogie“ des Kabarettisten, Komponisten, Chansonniers und Anarchisten Georg Kreisler. Aber was heißt: singt? Müller, angetrieben vom famosen Adrian Rusnak am Klavier, eskaliert im besten Sinne des Wortes und schmettert, spielt, grimassiert, fuchtelt, dass es eine Freude ist. Die Wortkaskade, die sich Kreisler hat einfallen lassen, bringt Müller, im wahren Leben Chef der städtischen Musikschule, akzentuiert Wort für Wort an den Mann und die Frau. Die Lacher und der lang anhaltende Applaus sind da nur folgerichtig.

„Glänzende Glatzen und verstimmte Triangel“ lautet der Titel des Abends, mit dem sich Michael Müller und Adrian Rusnak zum zweiten Mal auf einen „unterhaltsamen Streifzug durch die Welt der Kabarett-Chansons“ begeben haben. Wie schon im Vorjahr hieß es schnell: Restlos ausverkauft.

Charmant und bitterböse

Und auch wenn Müller in seinen charmanten und oft bitterbösen Überleitungen mehrfach darauf hinweist, dass die Welt derzeit politisch vor die Hunde geht, so wird doch, Kreisler und Müller sei Dank, stets klar, dass Humor in diesen finsteren Zeiten besonders hell leuchtet. Dass der Abend eine Hommage an Kreisler wurde, sei gar nicht geplant gewesen, erläutert Müller. Musikalische Notwehr muss man es wohl nennen, weil es einen Kommentar brauchte zu Trump, Orbán, Erdogan und Co.. Mit Ausnahme von „Luisenstraße 13“ von Heinz Erhardt, ein Lied, das bereits Götz Alsmann vor dem unverdienten Vergessen bewahrte, und dem schmissigen „Teenager zu sein“ von Bodo Wartke, stammen alle Lieder des Abends vom politischen Kreisler (1922-2011). Und auch wenn sie zum Teil bereits Jahrzehnte auf dem Buckel haben, sind sie doch noch immer als aktuelle Stellungnahme zur Welt und zur Gesellschaft zu hören.

„Der Staatsbeamte“, der, um der Karriere Willen, in jeden Allerwertesten kriecht – Müller zelebriert das Wort Arsch gesanglich mit wahrer Freude – oder das bitterböse „Schützen wir die Polizei“ aus dem Sturm-und Drang-Jahr 1968 („Schützen wir die Polizei / vor Verdruss und Schererei“): Kreislers Wortwitz hat nichts eingebüßt im Lauf der Jahre.

Wie ein Licht in der Dunkelheit

Müllers Vortrag, punktgenau, nicht ein Wort wegnuschelnd, auch dann nicht, wenn er spielend leicht ins Wienerische wechselt, das R mit Wonne rollt oder hohes Tempo anschlägt, stellt Text und Botschaft in den Vordergrund. Zwei vergnügliche Stunden, die – wie ein Licht in der Dunkelheit – Hoffnung machen, dass doch nicht alles verloren ist. Makaber, morbide, schwarz, böse, tiefsinnig: Kreisler, den ein Kritiker einmal als Weltdurchschauer bezeichnete, ist als Pate in diesen Tagen gut gewählt. Der geborene Wiener, der nach der Machtübernahme der Nazis in die USA flüchten musste, hat sich nie vereinnahmen lassen. Müller und Rusnak jedenfalls verdienen sich an diesem Abend den Titel eines „Ehren-Wieners“. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass das zu hell ausgeleuchtete Foyer des Kleinen Haues nicht ganz so gemütlich ist wie ein Wiener Beisl.

Zusatztermin aufgrund großer Nachfrage

Wer das Pech hatte, den Abend zu verpassen: Am Sonntag, 2. April, 20 Uhr, gibt es einen Zusatztermin. Karten sind bei der Konzert- und Theaterdirektion erhältlich.