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Bluttat in Delmenhorst Totschlagprozess: Täter wohl vermindert schuldfähig

Von Alexander Schnackenburg, Alexander Schnackenburg | 16.09.2016, 18:25 Uhr

Der Sohn des 48-jährigen Delmenhorsters, der im März seine ehemalige Lebensgefährtin umgebracht haben soll, hat am Freitag vor Gericht ausgesagt. Eine Psychiaterin hält den den Mann für vermindert schuldfähig.

Der eigene, 14-jährige Sohn hat gegen ihn ausgesag t. Dennoch ist der voraussichtlich vorletzte Verhandlungstag am Freitag am Landgericht Oldenburg im Prozess gegen einen 48-jährigen Delmenhorster, der seine einstige Lebensgefährtin am 7. März in der Cramerstraße erstochen hat, insgesamt gut aus Sicht des Angeklagten verlaufen. Denn eine psychiatrische Sachverständige aus der Carl-Jaspers-Klinik bescheinigte ihm in ihrem Gutachten eine „verminderte Schuldfähigkeit“ aufgrund einer „tiefgreifenden Bewusstseinsstörung“. Er habe im Affekt gehandelt. Sollte das Schwurgericht dem Gutachten folgen, so dürfte der Angeklagte mit einer deutlich geringeren Strafe davon kommen, als es etwa in den Augen der Nebenklage angemessen wäre. Wie einer ihrer Vertreter nach der gestrigen Verhandlung gegenüber unserer Zeitung erklärte, halte er das Gutachten keinesfalls für zwingend. Die Nebenklage werde daher wahrscheinlich trotz des Gutachtens eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren für den Angeklagten fordern.

Psychiaterin spricht von „Hypertötung“

Dabei wusste die Psychiaterin ihre Einschätzung über den Bewusstseinszustand des Angeklagten gut zu begründen. Sogar die „Hypertötung“ des Opfers durch mindestens 31 Messerstiche , wie sie ein Gerichtsmediziner am Donnerstag erläutert hatte, passe ebenso zur Symptomatik der tiefgreifenden Bewusstseinsstörung wie die Gedächtnislücken des Täters zum unmittelbaren Tatgeschehen einerseits und seine umso präzisere Erinnerung der Vorgeschichte andererseits. Das planlose Verhalten des Angeklagten nach der Tat – er forderte, dass schnell die Polizei kommen möge – spreche ebenfalls dafür, dass der Bluttat ein „eruptiver Affektdurchbruch“ vorausgegangen sei, so die Gutachterin.

Austauschschüler ist im Notruf zu hören

Zuvor hatte der 14-jährige Sohn des Opfers wie des Täters auf eigenen Wunsch und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt. Wie der vorsitzende Richter Frederik Franz anschließend zusammen fasste, hat der Junge die Tat offenbar gesehen, und war in der Folge mit seiner elfjährigen Schwester auf die Straße geflüchtet. Auch seinen Gast, einen französischen Austauschschüler, habe er gewarnt. Auf einem polizeilichen Mitschnitt eines Notrufs, den offenbar das Opfer unmittelbar vor seinem Tod getätigt hatte, taucht die Stimme des Franzosen mit den Worten „Please, stopp!“ („Bitte, hör auf!“) aus dem Hintergrund auf.

Verfahren wird am Dienstag fortgesetzt

Das Landgericht Oldenburg setzt die Verhandlung am kommenden Dienstag, 20. September, fort. Franz geht davon aus, an diesem Tag auch bereits das Urteil verkünden zu können.