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„Da, wo ich immer sein wollte“ Gospel-Star will den Delmenhorstern ans Herz

Von Kai Hasse | 28.11.2017, 09:41 Uhr

Grammy-Preisträger Craig Wiggins tritt am 19. Januar mit den „New York Gospel Stars“ in der Stadtkirche auf. Mit dem dk redet er über grummelige New Yorker, Religion, Superman und Aretha Franklin.

Als ein Fest der Religion und der Lebensfreude gilt der Gospel-Gesang. Einer der „großen“ amerikanischen Gospel-Chöre kommt am 19. Januar nach Delmenhorst in die Stadtkirche. Mit Chorleiter und Grammypreis-Gewinner Craig Wiggins hat das dk gesprochen.

Sie sind gerade auf Promotion-Tour durch Deutschland - also reiht sich ein Interview an das andere. Sie haben vor kurzem auf Facebook geschrieben: „Hatte einen anstrengenden Presse-Tag. Ich beginne extrem bösartig zu werden!“ Bin ich in Sicherheit?

Haha, oh, ja, sind Sie! Da war ich gerade in Deutschland angekommen und hatte noch Jetlag. Das hat mich miesepetrig gemacht. Entschuldigen Sie!

Sie hatten schon mehrere Touren in Deutschland. Was fiel Ihnen als Amerikaner zuerst ins Auge, als Sie Deutschland erkundeten?

Die Kultur ist anders, die Menschen sind anders. Ich liebe das. Ich sehe mich als eine Art Historiker. Ich versuche, viel zu lernen über die Länder, in denen ich bin, und wie ihre Kultur mit ihrer Geschichte verbunden ist.

Vielen fällt ja meist auf, dass nicht nur die Straßen eng sind und die Häuser alt, sondern auch das die Kirchen vergleichsweise groß und ehrwürdig sind. Für Sie als Gospel-Sänger ist das auch aus religiöser Sicht ein perfekter Ort für Aufführungen...

Das ist richtig. Gospel ist Gottes Musik. Genau deshalb singen wir Kirchen.

Deutsche gelten ja eher als griesgrämig. Sind wir bereit für Gospel?

Machen Sie sich mal keine Gedanken: Ich komme aus New York. Da sind die Leute genauso. Und sie lieben Gospel. Gospel wird in Deutschland immer präsenter. Das ist eine Entwicklung mehrerer Jahre. Die Leute lernen, Gospel wertzuschätzen.

In Ihren Worten: Was ist Gospel?

Die gute Musik von Jesus Christus verbreiten. Das ist Teil der amerikanischen Art, den Glauben zu zelebrieren. Die Leute gehen in den Gottesdienst und lernen dort den Gospel. Und dann gehen sie raus, und verbreiten die frohe Botschaft.

Gospel dreht sich um den Glauben. Tiefgehend über Religion zu sprechen, empfinden viele als eine intime Angelegenheit. Wie leicht ist es für Sie, über eigentlich intime Dinge im privaten Leben zu sprechen?

Es ist mir definitiv sehr wichtig, die Botschaft zu verkünden. Gospel ist dabei ein Weg, die Menschen dazu zu bringen, weiter auf ihren Glauben eingehen zu wollen. Wir liefern die Musik, die die Menschen emotional packt. Aus dieser Emotionalität wächst dann der Wunsch, sich mehr mit seinem Glauben zu befassen. Das ist der perfekte Weg, Glauben zu vermitteln. Über die Religion zu diskutieren, ist niemals zu intim. Wir Menschen sind erlöst, um andere zu erlösen. Das ist unsere Aufgabe.

Bei der Zusammenstellung ihres Chores ist dann auch die Religion der Bewerber ein Faktor?

Er ist wichtiger als die Musik. Ich will sicher gehen, dass ich mich mit den richtigen Leuten für die Aufgabe umgebe. Wenn sie von der Erlösung durch Jesus Christus nichts wissen, verkommt unsere Arbeit einfach zu irgendeinem Job. Wenn sie von Jesus Christus wissen, ist es ein aufrichtigeres Arbeiten, und es erleichtert uns das Verbreiten der Botschaft. Musikalisches Talent ist ein Teil, das Bekenntnis ein weiterer.

Sie haben 2001 als Teil des Love Fellowship Tabernacle Choir unter Hezekiah Walker einen Grammy gewonnen. Was sind Ihre Erinnerungen an die Zeit?

Eine aufregende Zeit. Und sehr unerwartet. Wir waren gegen mehrere sehr gute Chöre angetreten. Den Grammy zu gewinnen, hat mich vergewissert, dass ich das richtige tue, dass ich in die richtige Richtung gehe.

Und wenn Sie den Preis nicht gewonnen hätten?

Dann würde ich trotzdem tun, was ich tue. Der Sinn daran ist nicht Ruhm oder Preise. Ich tue das für Gott, und bleibe für ihn auf Kurs. Es ist so ermutigend, zu sehen, wie Gospel alle Menschen und Kulturen anspricht und sie zusammenführt.

...Moment, bei den unterschiedlichen Kulturen muss ich eine meinetwegen politisch unkorrekte, aber zutreffende Beobachtung einwerfen, entschuldigen Sie. Das sich oft bestätigende Klischee von Gospelchören ist eher, dass die meisten tourenden Gospelchöre aus Afroamerikanern bestehen... warum?

Das dürfen Sie ruhig fragen, klar. Aber Gospel dreht sich nicht um Hautfarbe. Es ist für mich sehr aufregend, wie sehr Gospel die Kulturen überstrahlt. Ich reise durch die ganze Welt, und Gospel gibt es ebenso lebendig in Japan wie in Frankreich. Natürlich gibt es auch eine Verbindung zur Zeit der Sklaven in den USA: Sie sangen Gospel - weil sie nicht viel mehr hatten als ihren Glauben. Und es gibt eine Verbindung zur Pentecostal-Kirche in den USA, die vor allem aus Schwarzen bestand - die Gospel sangen. Deshalb verbinden die Menschen das mit der Hautfarbe. Und für Außenstehende gibt es sicher auch eine Art Einschüchterungseffekt: Man denkt, wenn man nicht schwarz ist, darf man da nicht singen. Aber Gospel ist nicht exklusiv für Schwarze. Gospel dreht sich nicht um Deine Haut, sondern um Dein Herz. Und das ist bei allen Menschen gleich. Es ist rot.

Sie und Mitglieder Ihres Chores haben auch zusammen mit Aretha Franklin, Justin Timberlake oder Stevie Wonder gesungen. Wie sind die so?

Das Fernsehen lässt solche Celebrities größer erscheinen als sie sind. Menschen sind dann manchmal vorschnell mit einem negativen Urteil. Wenn man sie trifft, sind das ganz normale, bodenständige Leute - in Jeans und an der Kaffeemaschine. Und es ist eine großartige Gelegenheit, von Ihnen zu lernen. Es ist beispielsweise sehr schön, mit Aretha zu arbeiten. Sie ist auf den Punkt präzise und weiß genau, was sie will.

Wer ist Ihr Vorbild?

Mein Pastor in der Kirche. Er ist wie Supermann für mich. Ich weiß nicht, wie er schafft, was er schafft. Er hat viel Erfolg und gibt viel davon weiter. Er lehrt uns den richtigen Weg.

Und Ihr Vater?

Er starb, als ich noch ein kleines Kind war, und ich habe nur vage Erinnerungen an ihn. Ich hatte aber trotzdem ein starkes emotionales Fundament mit meiner Mutter und meinen Geschwistern. Meine Familie hat mir immer geholfen, mich zu fokussieren.

Wie alt sind Sie?

Ich bin immer jung.

Na gut. Sie kommen aus Brooklyn. Und wenn ich mal schätze, war Brooklyn kein besonders guter Stadtteil von New York, als Sie Jugendlicher waren.

Das stimmt, aber es hat sich sehr viel getan. Mittlerweile ist Brooklyn, was die Kultur und das Leben angeht, ein zweites Manhattan. Ich wohne heute gerade vier Blocks entfernt von da, wo ich aufgewachsen bin. Damals war das anders. Aber ich war oft und viel in der Kirche. Ich hatte somit das Privileg, viel lernen zu können und gut aufgehoben zu sein.

Die New York Gospel Stars werden beschrieben als temperamentvoll, frisch und mit viel Dampf. Faire Beschreibung?

Das ist okay. Wir wollen den Menschen zeigen, was wir zu Hause religiös leben. Manche Chöre zeigen in Ihrer Begeisterung und Ernsthaftigkeit oder Freude nur einen Prozentsatz. Wir wollen die wahre Erfahrung vermitteln, mit einem modernen Gospel, der sich über die Zeit auch entwickelt.

Für manche Menschen wirkt diese Lebensfreude beim Gospel auch etwas aufgesetzt oder künstlich...

Weil wir die Entwicklung des Gospel mitleben und neben dem Traditionellen auch das Neue aufnehmen, wirken wir, glaube ich, authentisch: Wir leben das, was wir zeigen.

Was singen Sie unter der Dusche?

Unter der Dusche? Ich singe nicht unter der Dusche. Ich wasche mich und geh da wieder raus. Das liegt daran, dass ich natürlich am Tag sehr viel singe. Ich genieße dann auch die Stille.

Wo wir schonmal einen Amerikaner hier haben: Was sagen Sie zu den aktuellen politischen...

Oh, oh... (ächzt)

...na Sie wissen schon.

Trump?

Mhmh.

Meine Mutter hat immer gesagt: Wenn Du nichts Gutes sagen kannst, sag einfach gar nichts.

Wollten Sie jemals einen anderen Job haben? Irgendwas?

Nein, ich liebe das hier so sehr. Dies war die Arbeit, an die ich schon immer dachte. Ich bin genau da, wo ich immer sein wollte.