Ein Angebot der NOZ
Ein Artikel der Redaktion

„Das letzte Tabu“ Henning Scherf zeigt in Delmenhorst tiefe Einblicke

Von Mareike Bader | 20.09.2017, 16:54 Uhr

Alter, Tod und Sterben waren alles andere als ein Tabu-Thema bei der Lesung mit Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf und der Wissenschaftlerin Annelie Keil. Mehr als 200 Besucher hörten den beiden in der Markthalle zu.

„Wir haben uns was ganz Kompliziertes vorgenommen“, sagt Henning Scherf zu Beginn der Lesung. Wie Annelie Keil, beide kennen sich seit vielen Jahren, engagiert er sich in der Hospizarbeit. Zusammen haben sie das Buch „Das letzte Tabu“ geschrieben, das sie auf Einladung des Delmenhorster Seniorennetzwerkes am Dienstag in der Markthalle vorstellen.

Dabei geht es den beiden 78-Jährigen um einen neuen und offen Umgang mit dem Tod. „Es ist ein Abenteuer, das Sterben leben zu lernen“, sagt Keil. Scherf und Keil zeigen in ihrem Buch ihre verschiedenen Beobachtungen zum Thema Tod und Sterben, aber auch ihren ungeheuren Erfahrungsschatz. Das kann dann auch mal ausufern, etwa im Kapitel, das Scherf über Keil geschrieben hat. Von ihrer Trauer und Wut über das tägliche Sterben von Flüchtlingen im Mittelmeerraum zieht er – über mehrere Zwischenstationen – den Bogen zu Nelson Mandela, der 2011, zwei Jahre vor seinem Tod, zurück in sein Heimatdorf kehrte.

Keil überrascht mit jede Menge Humor

Während Scherf spricht, guckt Keil ganz ernst. Bei ihren Erzählungen verblüfft die Wissenschaftlerin dann mit humorvollen Tipps. Etwa festzulegen, wer zur eigenen Beerdigung nicht kommen soll und welche Suppe man im Altenheim nicht serviert bekommen will oder beschreibt Karikaturen aus dem Buch. Eben alles rund um die „Abschiedlichkeit“, wie sie es nennt“.

Wenn sie von ihrer großen Erfahrung mit todkranken Kindern spricht, berichtet sie auch mal von Sätzen, wie „Ich will nicht heiraten – ich will lieber Witwe werden“ oder der Vorstellung eines Jungen, in dessen Vorstellung man nach dem Tod von Gott als Sternschnuppe vom Himmel geworfen wird.

Herzliche und persönliche Einblicke

Scherf und Keil zeigen viele herzliche und persönliche Einblicke. „Den Tod kann man nicht verdrängen“, sagt Scherf am Ende des Kapitels über einen mutmaßlichen Drogendealer, der 2005 in Polizeigewahrsam in Bremen starb. Ein Ereignis, dass den damaligen Regierungschef heute immer noch sichtlich mitnimmt. Immer wieder verhaspelt er sich beim Lesen, sagt: „Es gibt keine Rechtfertigung für diesen Tod“.

Seine Bürgernähe zeichnete Scherf schon während seiner aktiven Politikerzeit aus. Bei der Lesung in Delmenhorst ging er erst einmal durch die Reihen, um jeden der über 200 Besucher persönlich zu begrüßen. Und bei der Diskussionsrunde nach der Lesung bringt er das Mikrofon zu den Fragenden. Durch die Nähe der beiden wird das Tabu-Thema Tod, das ja gerne gemieden wird, interessant und lebendig. Und die beiden zeigen, wie vielfältig das Thema ist. Alle Fragen können sie nicht beantworten, dafür das Bewusstsein für dieses komplexe Themenfeld schärfen.