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25 Jahre in Delmenhorst Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch wichtiger denn je

Von Henrik Schaper | 20.09.2019, 20:32 Uhr

Im Juni 1994 wurde die Delmenhorster Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen gegründet. Für das 25-jährige Jubiläum gab es am Freitagvormittag eine Feierstunde.

Die Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen bearbeitet aktuell ihren 2053. Fall im Jubiläumsjahr. Auch 25 Jahre nach ihrer Gründung ist die Notwendigkeit der Delmenhorster Einrichtung größer denn je.

Träger ist die Stadt Delmenhorst

"Das individuelle Leid ist oft kaum vorstellbar", sagte Andreas Höhn, Leiter der psychologischen Beratungsstelle", im Zuge einer Feierstunde in der Markthalle. Sexualisierte Gewalt würde oft durch Macht und Abhängigkeit entstehen. Höhn stellte heraus, dass es bundesweit rund 300 Fachberatungsstellen zum sexuellen Missbrauch gebe. In Delmenhorst habe die Stadt die Trägerschaft: "Das ist etwas ganz Besonderes und ganz Wertvolles."

Stadtrat blickt auf die Anfänge zurück

Erster Stadtrat Markus Pragal blickte in seiner Rede noch einmal auf die Anfänge der Beratungsstelle zurück. Zu Beginn im Juni 1994 in den Räumlichkeiten an der Moltkestraße waren lediglich zweieinhalb Stellen vorgesehen. Sieben Jahre später stand der Umzug an die Bismarckstraße an. 2012 kam dann eine halbe Arbeitsstelle, speziell für jungenspezifische Fälle, hinzu. Und zuletzt erfolgte der Umzug in die aktuellen Räumlichkeiten am Kirchplatz. In seinen Gesprächen mit den Beteiligten habe er erfahren, dass "die Arbeit mit viel Engagement" stattfinde. "Sie leisten einen wichtigen Beitrag zum Kinderschutz", sagte Pragal.

"Längst aus den Kinderschuhen gekommen", sieht Gleichstellungsbeauftragte Petra Borrmann die Beratungsstelle. Immerhin sei die Gründung noch in einer Zeit erfolgt, als das Thema sexueller Missbrauch in der Tabuzone steckte. Ihr Wunsch: "Meine Vision ist ja, dass die Arbeit gar nicht mehr nötig wäre."

Vierköpfiges Team

Das vierköpfige Team der Beratungsstelle, Imke Brümann, Katharina Winterberg, Jule Erhorn und Charles Lutzebäck, wollte keinen typischen Rückblick halten. Deshalb gaben sie einige emotionale Einblicke. Dafür hatten sie im Vorfeld an die Rückseite der Stühle in der Markthalle Aktenzeichen von realen Fällen geklebt.

Betroffene sollten dann zu einer Beratung kommen, wenn ihre persönlichen Grenzen oder ihr körperliches Selbstbestimmungsrecht verletzt werden. Die Aufgabe der Beratungsstelle richtet sich insbesondere an folgende Zielgruppen: Mädchen, Jungen und junge Volljährige die sexuelle Gewalt erleben, erlebt haben oder zu diesem Themengebiet Fragen haben. Aber auch an Eltern, unterstützende Angehörige und Bezugspersonen. Zusätzlich an Fachkräfte wie Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter.

Expertin spricht über Loverboys

Für das spezielle Phänomen des Loverboys hatten sich die Delmenhorster eine Expertin eingeladen. Tabea Hommel vom Netzwerk gegen Menschenhandel. Sexuelle Ausbeutung sei der größte Teil von Menschenhandel in Europa. Dies gelte auch für Deutschland, wo gerade die Loverboys junge Mädchen in die Prostitution brächten. Hommel skizzierte die Merkmale eines Loverboys: Er ist ein junger Mann zwischen 18 und 30 Jahren. Er sieht gut aus und macht Komplimente. Er macht teure Geschenke und schafft eine emotionale Abhängigkeit. Dann folgt die eigentliche Absicht des Kriminellen, der meist Verbindungen ins Drogen- und Rotlichtmilieu hat. "Zusätzlich besitzt er zwei Maschen, die sein Opfer zur Prostitution nötigt: Geldnot und Zukunftspoesie." Eine Aktion des Loverboys findet die Berlinerin besonders perfide: "Er lässt dem Mädchen ein Tattoo mit seinem Namen stechen."

Besonders die Prävention sei beim Thema Loverboys sehr wichtig, damit die zwischen 14 und 17 Jahre alten Mädchen gar nicht erst in die Fänge der Täter gerieten. Der Rat von Tabea Hommel: "Den Selbstwert der Mädchen schützen." In der abschließenden Fragerunde wurde deutlich, wie aktuell das Thema ist. Gerade auch in der Region Bremen. Abschließend fand Hommel lobende Worte für das Team der Beratungsstelle: "Eure Arbeit die ihr macht, ist Gold wert."