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Delmenhorst Quergedacht: Martin Schulz, der HSV und die Kunst des Blasens

Eine Kolumne von Marco Julius | 10.05.2017, 10:41 Uhr

Rollentausch, mal ein anderer sein: Das wünscht sich so mancher. Martin Schulz, der HSV und Stefan Mross vielleicht auch.

Glücklich ist, wer seinem Gegenüber sagen kann: „Wenn ich Du wäre, wäre ich lieber ich.“ Die Allermeisten von uns aber, die wünschen sich doch immer wieder einmal, einfach ein gänzlich anderer zu sein. Raus aus der eigenen Haut, aus dem schlechten Spiel, das sich Leben nennt, rein in eine bessere Biografie.

Martin Schulz zum Beispiel, der hat vor ein paar Wochen noch gedacht, Martin Schulz zu sein, das sei eine richtig dolle Sache. Bundeskanzler und so. Jubel, Applaus, Bad in der Menge. Jetzt im Moment wäre er vielleicht doch lieber Angela Merkel. Oder der HSV. Der wäre gern ein Verein, der durch Europa tourt und Pokale hamstert. Doch er bleibt der Club mit der Raute im Herzen und der Angst im Nacken. Kann man nix machen.

Oder Volksmusiker Stefan Mross. Der hat gerade in die Welt hinausposaunt, wie unangenehm sein Leben sei. Ständig müsse er in Hotels frühstücken. Und in den heutigen Hotels gebe es ja kein vernünftiges Rührei mehr. Ein schlimmes Schicksal, das immerhin den Effekt hat, dass man sich wieder an den Vollblutmusiker erinnert. Kleine Rückblende: „Stefan Mross lässt blasen“ lauteten Anfang des Jahrtausends die Schlagzeilen. Bevor sich jetzt irgendein Mann wünscht, nicht mehr er selbst, sondern besser Stefan Mross zu sein: „Trompeterkrieg“ lautete das martialische Stichwort damals. Es ging um die richtigen Töne. Der böse Verdacht: Mross könne gar nicht blasen. Ein Gericht musste schlichten.

Am Ende muss sich ein jeder Mensch mit seinem eigenen Ich arrangieren – und sollte sich bei allen Gedankenspielen an einen Satz des famosen Schriftstellers Jörg Fauser erinnern: „Wer mit 40 noch mal bei Null anfängt, fängt nicht bei Null an, sondern bei 40.“