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Delmenhorst Quergedacht: Weil jeder Stau eine Schau ist

Eine Kolumne von Marco Julius | 28.06.2017, 09:32 Uhr

Knipsen, gaffen, pöbeln: Im Stau kommt der Autofahrer endlich ganz zu sich. Findet Marco Julius im neuen „Quergedacht“.

Jetzt sind wir wieder mittendrin, in der Deutschen liebsten Jahreszeit. Juni, Juli, August – das heißt Stau auf den heimischen Autobahnen, Hochsaison für Fans des Stop-and-go. „Die Türen offen, der Motor kocht, auf so etwas Tolles haben wir gar nicht gehofft“, dichtete einst der Protestsänger Mike Krüger. Die Liebe zum Stau begleitet die Deutschen schon seit den Wirtschaftswunderjahren. Da ist ein Stau? Da fahren wir hin! Der Weg ist schließlich das Ziel. Und die Stoßstange ist aller Laster Anfang, heißt es doch zurecht. Und schon der Fahrlehrer hatte einst die Erkenntnis gebracht: „Was im Rückspiegel erscheint, befindet sich hinter uns.“ Die Liebe zum Stau ist nie erloschen, sondern immer nur um weitere Facetten ergänzt worden. Im Stau stehen, mit Decken vom Roten Kreuz die Nacht durchwachen, das reicht heute in der Event-Gesellschaft eben längst nicht mehr aus. Im Stau, da vertreibt sich der Autofahrer des 21. Jahrhunderts die Zeit, indem er zentimetergenau die Rettungsgasse zustellt.

Und, wie herrlich, passiert er endlich die Unfallstelle, drückt er nicht etwa aufs Gaspedal, sondern auf den Auslöser des Smartphones. Knipsen, filmen, gaffen – und die Königsdisziplin: Rettungskräfte und Polizisten erst behindern und dann aus dem offenen Seitenfenster fachgerecht bepöbeln. Na, wenn das kein Spaß ist! Da ist der Autofahrer ganz bei sich und kann endlich mal abschalten. Wozu ist sonst der Urlaub da? Am Strand von Mallorca warten eh nur die Haie – der Blauhai im Wasser, der Immobilienhai an Land.