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Delmenhorst und die Eisenbahn „Die stille Öde in den Geschäften ist dahin“

Von Dirk Hamm | 22.07.2017, 12:04 Uhr

Die Bedeutung der 1867 eröffneten Schienenstrecke von Oldenburg über Delmenhorst bis nach Bremen für die Entwicklung der Delmestadt kann nur schwerlich überschätzt werden. Erst die Anbindung an die Eisenbahn machte den atemberaubenden industriellen Aufschwung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts möglich.

Das streicht Hans-Hermann Precht, ehemaliger Leiter des Industriemuseums auf der Nordwolle, heraus: „Dank der Eisenbahn zu den bremischen Häfen und dem überregionalen Eisenbahnnetz begann der industrielle Aufstieg der Stadt. Von dort bezogen die Jute, die Nordwolle und die Linoleumwerke ihre Rohstoffe und vertrieben über die Nachbarstadt ihre Fertigwaren.“

Delmenhorst verändert sein Gesicht

Besonders eindrucksvoll illustriert ein zeitgenössischer Artikel im Delmenhorster Kreisblatt vom 21. Januar 1887, wie sehr sich Delmenhorst 20 Jahre nach dem Anschluss an die Eisenbahn verändert hatte: „Die stille Oede in den Geschäften ist dahin. Einen ganz anderen Anblick gewährt der Ort gegen früher. Man betrachte zunächst die Frequenz bringende Eisenbahn, sodann den Ausbau so vieler Gebäude in deren Nähe, sowie im ganzen städtischen Umkreise.“

Verkehrsprojekt eröffnet drei deutschen Ländern Vorteile

Mit der Eröffnung der Eisenbahnstrecken Oldenburg-Bremen am 14. Juli 1867 und Oldenburg-Heppens (heute ein Stadtteil Wilhelmshavens) am selben Tag war ein von mehreren deutschen Ländern nach komplizierten Verhandlungen in Angriff genommenes Verkehrsprojekt Wirklichkeit geworden. Alle Seiten profitierten davon, erklärt Hans-Hermann Precht: „Preußen hatte nun über Bremen Anschluss an seinen Kriegshafen erhalten, das Großherzogtum Oldenburg war von Bremen aus mit den deutschen und europäischen Fernstrecken verbunden und Delmenhorst rückte fortan in den Fokus wirtschaftlicher Interessen.“

Entscheidend die 15 Kilometer bis Bremen

Dabei war für die wirtschaftliche Entwicklung Delmenhorsts in erster Linie ein kleiner Abschnitt der neuen Bahnlinie von großer Bedeutung, wie der Kenner der Delmenhorster Industriegeschichte erläutert: „Die Lage der Stadt im Oldenburger Staatsverband war von geringerer Bedeutung als die geografische Nähe zu Bremen. Personen- und Güterverkehr bewegten sich in den folgenden Jahrzehnten in zunehmendem Maß auf den etwa 15 Kilometern der Bahnverbindung zwischen Delmenhorst und Bremen.“ Im Vergleich zum Personenverkehr und zum gesamten Güterverkehr der Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahn (GOE) habe der Güterverkehr auf diesem Teil der Bahnverbindung den zunehmend größeren Anteil ausgemacht.

Mit Investitionen aus der zollpolitischen Isolierung

Der Aufschwung Delmenhorsts, der ab 1870 mit der Ansiedlung der späteren Hanseatischen Jutespinnerei und Weberei seinen Anfang nahm, ist laut Precht allein vom Kapital Bremer Kaufleute getragen worden. Diese investierten hier zunächst, um die zollpolitische Isolierung zu umgehen – Bremen war noch bis 1888 gegenüber dem restlichen Deutschen Reich Zollausland.

Einwohnerzahl der Stadt versechsfacht sich

Eisenbahnanschluss und Bremer Fabrikgründungen bewirkten in Delmenhorst einen rasanten Strukturwandel auf sozialer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene. Im Zuge der Arbeitsmigration stieg die Einwohnerzahl zwischen 1871 und 1914 von 4000 auf 24500 an – Delmenhorst erlebte eine Versechsfachung seiner Bevölkerung.