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Delmenhorster begleiten anonyme Bestattung Mit Kerzen und Liedern gegen den einsamen Tod

Von Sonia Voigt | 04.12.2018, 09:52 Uhr

Warum werden Menschen anonym begraben? Die Gründe sind vielfältig. Delmenhorster Ehrenamtliche setzten sich auf dem Friedhof Bungerhof für einen würdevollen Abschied für alle ein.

Einmal noch werden ihre Namen feierlich verlesen, ein letztes Mal wird an ihr Leben erinnert, bevor ihre Urnen namenlos im Gräberfeld bestattet werden. 41 Menschen sind in diesem Jahr bislang auf dem städtischen Friedhof Bungerhof anonym beigesetzt worden. „Es ist für uns unfassbar, dass jemand einsam stirbt“, spricht Barbara Stolberg für die Gruppe Ehrenamtlicher, die sich deshalb monatlich zu ökumenischen Andachten und einmal jährlich zur Gedenkfeier in der Friedhofskapelle versammelt, um Verstorbene zu verabschieden. „Wir mussten den Eindruck gewinnen, dass einige nicht vermisst werden“, bedauert die Predigtlektorin. Umso erschreckender, wenn die Ehrenamtlichen vertraute Namen auf der Liste entdecken.

Begleitung wenn niemand zur Bestattung kommt

Wie den Schulkamerad der Tochter, der mit seiner Familie brach und dann früh und offenkundig allein verstarb. Oder die Bekannte, die eine große Familie hatte, aber jetzt anonym und unbegleitet den letzten Weg geht. Genau wie eine Hasbergerin, die ihre ganzen 81 Lebensjahre in Delmenhorst verbrachte – und doch kam niemand zur Bestattung. „Es ist traurig, wenn jemand so sang- und klanglos von der Welt geht, als hätte es ihn nie gegeben“, sagt Brigitta Lobenstein. Deshalb bringt sie sich seit drei Jahren wieder in die von Barbara Stolberg neu belebte Trauerbegleitgruppe ein. Sie hat Händels „Largo“ für die feierliche Eröffnung der Trauerfeier ausgewählt und führt als geübte Chorsängerin die Ehrenamtlichen mit kräftiger Stimme durch hoffnungsvolle Lieder wie „So nimm denn meine Hände“ oder „Von guten Mächten still umgeben“.

Wohngruppe verabschiedet Mitbewohner

Und hoffnungsvolle Geschichten wissen die zehn Frauen, von denen viele zuvor ehrenamtlich in der evangelischen Stadtkirchen-Gemeinde oder in der katholischen St. Marien-Gemeinde aktiv waren, auch zu erzählen: Die von dem früheren Obdachlosen, der so oft die Friedhofsverwaltung anrief, bis er herausfand, wann die Andacht für seinen Kumpel ist und dann ein paar Tränen vergoss. Oder die von einer Wohngruppe der Lebenshilfe, die in die Kapelle strömte, um von einem Mitbewohner Abschied zu nehmen. „Das war sehr berührend“, berichtet Lobenstein. In den übrigen Fällen, wo keiner kommt, springen die Ehrenamtlichen zusammen mit wechselnden Pastoren ein. Mit Dutzenden Kerzen, feierlicher Musik und Fürbitten wollen sie allen Verstorbenen einen würdevollen Abschied bereiten.

Zeit statt Geld gefragt für würdevollen Abschied

„Dazu braucht es kein Geld“, sagt Stolberg, „nur die Bereitschaft, nachzudenken. Und ein bisschen Zeit.“ Die geben die Ehrenamtlichen bereitwillig. Und mit Blumen, Kerzen und dem Aufbau der Dekoration helfen die Friedhofsverwaltung, Bestattungsunternehmen und Kirchengemeinden. Fehlendes Geld ist tatsächlich einer der Gründe für die anonyme Urnenbestattung, denn die Kosten dafür werden bei einer Sozialbestattung übernommen. Familienstreitigkeiten oder fehlende Hinterbliebene können weitere Gründe sein, aber manchmal steht auch eine bewusste Entscheidung dahinter, etwa um den Angehörigen möglichst wenig Arbeit zu machen. „Manche wollen anonym und ganz still bestattet werden, das muss man respektieren“, sagt Lobenstein. Aber einen würdevollen Abschied, den hätten trotzdem alle verdient.